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eschichte unserer Hauskirche – Eine Bilanz
Irgendwann fingen wir an, uns zu treffen. Es muss 2001 oder 2002 gewesen sein, so genau weiß ich es nicht mehr. Mein guter Freund Klaus hatte ein brisantes Buch gelesen: Häuser, die die Welt verändern von einem gewissen Wolfgang Simson. Und nun war er voller Begeisterung und Eifer für die Vision von Hauskirche und suchte eine Schar von Freunden und Mitstreitern zusammen, um diese Vision zu verwirklichen.
Wir waren, wie so üblich, eine Bande von Davids Helden: Verbitterte, Bedrängte und Verschuldete! Allesamt mehr oder weniger Gemeindegeschädigt und mit vielen persönlichen Problemen.
Ich war gerade dabei eine Gottesdienst-Allergie zu entwickeln und kam Sonntags meist erschöpft wie ein geprügelter Hund aus dem Gottesdienst, anstatt gestärkt und aufgebaut zu sein. Irgendwie nervte mich einfach alles (meistens) der Lobpreis, die Predigt und vor allen Dingen die endlosen geisttötenden Ansagen. Ich saß die meiste Zeit bei meinen engsten Freunden in der Reihe und machte Quatsch oder komödiantische Einlassungen. Wir kamen oft überein, Schilder zu malen und hochzuhalten, wenn endlos versucht wurde, dem Lobpreis Salbung hervorzulocken, trockene Predigten kein Ende fanden, oder bestimmte Spezies ellenlange „Zeugnisse“ hatten, die redeten, ohne zwischendurch auch nur einmal Luft zu holen.
So fing ich an, während unerträglicher „prophetischer“ Gesänge von angeblich begabten Geschwistern ohne jedes musikalische Gefühl und dünner Piepsstimme den Saal zu verlassen. Ich ging zu den Rauchern vor die Tür.
Eigentlich kam ich dann nur noch, wegen dem Kaffeetrinken und der Gemeinschaft nach dem Gottesdienst, und weil ich die ganzen Leute der Gemeinde sehr gern hatte. (mit Ausnahme einiger Nervensägen, die es in jeder Gemeinde gibt)
Dann ließ ich öfter mal Gottesdienste ausfallen, weil ich mich nicht so „fühlte“! Parallel fing unsere angestrebte Hauskirche an, mehr und mehr ins Zentrum zu rücken.
Ich war anfangs sehr skeptisch gegenüber dieser Vision und hatte „Null-Bock“ auf eine Gemeindegründung. Wer waren wir denn schon? Ich litt zu diesem Zeitpunkt sehr unter Depressionen und fühlte mich überhaupt nicht für bahnbrechende Neuerungen berufen. So schleppten die Anderen mich eben geduldig mit. Es gab einige Begeisterte, einige skeptische und zurückhaltende und einige Totalversager, so wie mich, unter uns.
Die meisten waren langjährige Christen mit viel Gemeindeerfahrung und zum größten Teil sehr aktiv in der Gemeindearbeit gewesen oder waren es noch. – Eigentlich keine schlechten Vorraussetzungen!
Zu Beginn hatten wir eine sehr lange Phase des Austausches und Nörgelns über alle die Dinge, die uns an herkömmlicher (charismatischer) Gemeinde missfielen und eine Zeit des Betens, wie unsere Hauskirche denn aussehen sollte.
Wir fingen an, das gute Buch über Hauskirche von Wolfgang Simson gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Dann wurden einige Dinge in die Tat umgesetzt. Zum Beispiel wurde das gemeinsame Essen einer der wichtigsten Teile der neuen Liturgie. Dabei wurden viele persönlichen Probleme erörtert und über die dämlichen Strukturen der althergebrachten Gemeinde diskutiert und genörgelt.
Anschließend gab es noch einen Teil des Meckerns über die althergebrachte Gemeinde und ihrer Leiter insbesondere.
Wir hatten im Laufe der Jahre einige Favoriten von Pastoren und Leitern, über die wir lästerten und herzogen.
Das wurde schnell zum „running Gag.“ Einer unserer Teilnehmer machte denn auch eines Tages die Feststellung, daß wir keine Hauskirche seien, sondern so eine Art geistlicher Stammtisch. Viele gaben ihm insgeheim oder offen Recht und wir versuchten uns zu bessern.
Auf der anderen Seite gab es aber auch viele positive Dinge, die sich entwickelten. Wir entwickelten tatsächlich so etwas wie eine Dialog-Predigt. Während jemand neue Erkenntnisse vortrug oder zu einem Thema referierte, kamen alle Anderen auch zu Wort. Es wurden Zwischenfragen gestellt, Zweifel geäußert, oder persönliche Probleme einbezogen, die jemand mit Lehren hatte etc.
Wir entwickelten eine lebendige Diskussionsstruktur, die auch manchmal zum Streit führte. Wir konnten halt nicht immer sachlich bleiben und so kamen auch viele Defizite ans Licht, die sonst normalerweise unter den Teppich gekehrt werden.
Das tat uns allen sehr gut. Endlich wurde man mal nicht zugepredigt, sondern konnte auch seine Meinung sagen. Das wäre in „normalen“ Gottesdiensten schon allein technisch nicht möglich gewesen. So kamen auch viele Leute zu Wort, die in der Gemeinde niemals gehört worden wären und dennoch viel Weisheit hatten. Oder man konnte Dinge fragen, die man nie in einem Gottesdienst gefragt hätte. Irgendjemand wusste immer etwas zum Thema zu sagen und man lernte viele verschiedene Sichtweisen kennen.
Das Wort Gottes wurde daher nicht nur gepredigt, sondern richtig gut durchgekaut und verdaut.
Die Defizite und negativen Eigenschaften, die bei einzelnen ans Licht kamen, wurden dann aber auch im Gebet und Gespräch intensiv bearbeitet. Dadurch kamen wir uns als Menschen sehr nahe und pflegten eine Offenheit und Transparenz untereinander, die in manchen Gemeinden vielleicht gepredigt, aber selten verwirklicht wurde. Selbst Eheprobleme wurden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern kamen immer wieder auf den Tisch. Das war sehr hilfreich und führte bis auf eine Ausnahme zur Besserung bzw. Heilung der Beziehungen.
Wir erlebten auch eine Reihe von Gebetserhörungen, obwohl wir nach einer Zeit nur noch selten zusammen beteten. Das gemeinsame Gespräch war uns einfach wichtiger. Und wenn wir dann beteten, dann auch ernsthaft und mit viel Erfolg.
Die typische charismatische Liturgie mit Lobpreis, Gebet und Predigt oder Bibelarbeit kam uns ziemlich schnell abhanden. Immer seltener wurden die Gitarren hervorgeholt, um gemeinsam zu singen.
Da wir keinen Pastor oder Leiter im herkömmlichen Sinn hatten, war eigentlich jeder herausgefordert, selbst Verantwortung zu ergreifen, selber nachzudenken und im Wort Gottes nachzuforschen. – Aber wie zäh lasteten die vielen Jahre des berieselt Werdens mit Lobpreis, Zeugnissen und Predigt auf uns. Wir waren halt über Jahrzehnte gewöhnt, alles vorgekaut zu bekommen. Letztlich waren es dann doch meistens dieselben, die der Hauskirche irgendeinen Input zu geben hatten, der dann meistens durch die Anderen kritisch hinterfragt wurde.
Durch diese Diskussionsstruktur wurden allerdings viele ansonsten zurückhaltenden und schweigsamen „Mäuschen“ plötzlich lebendig und beteiligten sich ganz anders am gemeinsamen Gespräch als sie es jemals getan hätten. Das sehe ich schon als ein Wachstum im mündigen, selbstständigen Christ sein und menschsein an!
Der Nachteil daran war allerdings, daß wirklich alles und jeder hinterfragt wurde und wir uns hauptsächlich nur darüber einigen konnten, was wir ablehnten, aber nur sehr schwer darüber, was wir eigentlich gemeinsam glaubten, oder wohin die Reise eigentlich gehen sollte. Visionen und Ziele gemeinsam zu formulieren und daran festzuhalten war sehr schwer, weil eigentlich immer jemand anderer Meinung war und wir keinen Leiter hatten, der dann die Richtung einfach kraft Gottes Autorität vorgegeben und bestimmt hätte.
So lief im Prinzip dann alles nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. – Das ist nicht gerade das, was Menschenmassen begeistern könnte. Wir hatten zwar theoretisch die Vision, unsere Hauskirche zu teilen und zu wachsen. Wir hatten auch viele Leute zu Gast (auch Nichtchristen) aber der begeisternde Funke, der eine Gemeinde nach vorne treibt, fehlte wohl.
So kam es nach anfänglichem Wachstum eher zu einem langsamen Schrumpfungsprozess. Die Querulanten und Schwierigen, die Halbchristen und Nichtchristen verließen uns nach und nach, und jetzt sind wir nur noch ein paar gute Freunde, die weiter zusammenhalten, aber eigentlich weit weg von der ursprünglichen Vision einer Hauskirche dahindümpeln. Ich nenne es jetzt auch nur noch „Hauskreis“, weil wir meiner Meinung nach weit weg von den Erfordernissen einer „Kirche“ sind.
Ein Hauskreis ist ja auch immer noch besser als „gar Nix“ Aber die große Revolution ist wohl völlig im Sande verlaufen. Vielleicht ist das in Eurer Hauskirche ja anders! Keine Ahnung. Ich finde die Idee von Hauskirche immer noch gut und folgerichtig. Vielleicht waren wir einfach zu „Gemeindegeschädigt“ um noch mal was Neues zu reißen!
Vielleicht war es ein Fehler, uns von der alten etablierten Gemeinde völlig abzunabeln und unabhängig zu machen, obwohl wir schon noch die privaten Freundschaften pflegten und auch mal eine Gemeindeälteste oder einen Missionar als Gast hatten.
Die Anbindung an andere Hauskirchen wurde zwar erstrebt; einige von uns waren auch mal beim Hauskirchentag, aber praktisch war uns das wohl alles zu mühsam und schlief dann ein.
Bei allem Guten, was während dieser Jahre passiert ist und es wäre mir zu viel, das alles aufzulisten, sind wir doch als Hauskirche gescheitert, weil wir unsere selbstgesteckten Ziele und die Verwirklichung der Vision nicht erreicht haben – und haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Einige sind wieder in etablierte Gemeinden zurückgekehrt und arbeiten dort mit. Herzlichen Glückwunsch! Ihr seid wieder auf sicherem Untergrund! Für mich kommt das im Moment (noch) nicht in Frage.
Ich werde weiterhin darauf warten, daß Gott mir den Weg zeigt, den ich gehen soll. Bisher hat er das noch nicht so eindeutig getan. – Vielleicht lernen wir ja auch aus unseren Fehlern und Gott gibt uns einen neuen Schub und neues Wachstum. Vielleicht lernt ja auch die etablierte Gemeinde aus ihren Fehlern und es gibt einen neuen Schub und echtes geistliches Wachstum.
Es würde mich sehr freuen, wenn einige „Hauskirchler“, die ähnliche oder auch ganz andersartige Erfahrungen gemacht haben mir ein Feedback zu dieser Bilanz geben würden
Ralf Förthmann