Eine
Traumabewältigung
© von Ralf Förthmann
„Listen to this, and I’ll tell
you ‚bout the heartache.
I’ll tell you ‚bout the heartache and the loss
of God.
I’ll tell you ‚bout the hopeless night The meager food for souls forgot,
I’ll tell you ‚bout the maiden with wrought
iron soul“
(Jim Morrison, The Wasp, L.A.Woman)
◊
Inhalt
Verlegung ins
Friederikenstift
Back in the MHH
(Don’t know how lucky you are boy!)
Der Garten, die
Halle und der Gottesdienst
Es begann alles an meinem Geburtstag im November
2004...
Nach einem wunderschönen
Beisammensein mit meiner Familie und den Freunden und Freundinnen meiner Kinder
merkte ich, dass ich auf dem kurzen Nachhauseweg vom Griechen an der Ecke nicht
mehr mit meinem Sohn schritt halten konnte. Irgendwie fehlte mir die Luft. Ich
schob es auf das reichhaltige Essen und den Wein.
In den folgenden Tagen
stellten sich merkwürdige, undefinierbare Schmerzen in der oberen Brustgegend
und den Schultern ein. Ich konnte
Im Januar 2005 ließ ich mir
dann die ewig verstopfte Nase richten, damit ich wieder Luft durch die Nase
bekomme. Die OP verlief phantastisch. War sofort danach wieder Putzmunter und
ein vorbildlicher Patient. Als ich aus der Narkose erwachte, war mir irgendwie
so albern zumute und ich fand die Schwester, die mein Bett schob, total
sympathisch. Da ich nach 2 Sekunden Ihren Namen vergaß, entschuldigte ich mich
bei ihr und sagte Ihr, wie ausgesprochen sympathisch sie doch sei. (Sie hatte
so nette zwinkernde Augen) das war mir etwas später, als ich richtig wach war,
etwas peinlich. Man darf doch als verheirateter Christ wohl nicht flirten,
oder?
Nach meiner Entlassung las
ich mir den Arztbrief gründlich durch und machte eine alarmierende Entdeckung.
Da waren Zacken in meinem EKG gewesen, die auf einen alten Herzinfarkt
deuteten! Mittlerweile konnte ich auch nur noch ziemlich kurze Strecken gehen,
ohne so kräftig zu pusten, als ob ich gerade eben in den fünften Stock eines
Altbaus gestiegen wäre. Da ich meinem alten Hausarzt nun nicht mehr so richtig
traute, ging ich schnurstracks zum Kardiologen, der nach Durchsicht der
Unterlagen und einiger Untersuchungen sagte, dass da ganz gewiss „etwas“ am
Herz nicht in Ordnung sei und schickte mich zum Herzkatheter ins Siloah-Krankenhaus.
Herzkatheter
(Januar 2005)
Eine unwahrscheinlich
Anstrengende Prozedur! Du liegst auf einem ultra-schmalen Röntgen-Tisch und
weißt nicht, wo du Deine Arme lassen sollst. Es gibt keine Ablage für sie und
sie passen nicht neben dir auf den Tisch. Also kreuzt man sie über der Brust
oder legt sie so hinter den Kopf. Das scheint nicht so schlimm zu sein, ist aber
eine sehr unangenehme, anstrengende Körperhaltung, wenn du es länger als eine
Stunde aushalten musst. Dann wird Deine Leiste betäubt und sie schieben einen
flexiblen Schlauch in die Leistenarterie, der bis in die Herzkammer
vorgeschoben wird. Das spürt man zwar nicht, aber mir war es total unheimlich.
Unbestimmte Ängste brechen aus. Als sie das Kontrastmittel in die Arterie
spritzen, sehe ich auf der Videowand neben mir, wie das Blut bei jedem
Pulsschlag durch den Körper und das Herz strömt. Durch das Kontrastmittel geht
in Sekundenschnelle eine total heiße Welle durch den ganzen Körper. Als ob man
plötzlich über 40 Grad Fieber hätte oder als ob sie einem eine heiße
Flüssigkeit injizieren würden! Kurz danach stellt sich bei mir eine allergische
Reaktion ein. Mein Blutdruck fällt plötzlich ins uferlose und mir wird
hundeelend. Ein ganz gemeines Gefühl! Man spritzt mir sofort Atropin und andere Medikamente. Danach wird mir speiübel
und ich habe Angst, mich zu erbrechen. Auch dagegen spritzt man etwas. Gott sei
dank wirken Medikamente, die man i.v. verabreicht in
sehr kurzer Zeit und ich komme schnell wieder in eine erträgliche Zone. Aber
was bin ich froh, als ich wieder in mein Krankenbett hinüberrutschen darf!
Danach kommt der Oberarzt zu mir
und erklärt mir den Befund. Zwei der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut
versorgen, sind komplett dicht, und die dritte ist nur noch zu 25 Prozent
offen. Ich frage mich, wieso ich überhaupt noch am Leben bin? Bisher dachte ich
immer, dass so ein Gefäßverschluss mit einem Herzinfarkt einhergeht, der sehr
schmerzhaft ist und oft tödlich endet. Ich dagegen hatte nur einige
Monate zuvor eine Woche lang Brustschmerzen gehabt, die wieder aufgehört
hatten. Jedenfalls ist die Diagnose ziemlich niederschmetternd.
Ab diesem Zeitpunkt lebe ich
in der ständigen Angst, dass die restlichen 25 Prozent der letzten
Herzkranzarterie auch noch verstopfen, bevor ich überhaupt operiert werden
kann. In meinem Körper tickt eine Zeitbombe! Und ich kann nichts dagegen tun.
Mein Kardiologe besorgt mir einen OP-Termin in der medizinischen Hochschule,
aber die lassen wochenlang überhaupt nichts von sich hören – und ich muss mit
meiner Angst und meinem ungewissen Schicksal leben. – Nach einigen Wochen macht
sich Panik breit. Ich bekomme Beruhigungsmittel verschrieben und warte
sehnsüchtig auf eine Nachricht aus der medizinischen Hochschule. Wann operieren
die mich endlich? Ich sitze jeden Tag nur stundenlang in meinem Sessel rum, und
bin nicht mehr in der Lage auch nur die kleinste Anstrengung zu bewältigen.
Wenn ich versuche, mal um den Häuserblock zu gehen, beginnt mein Herz schon
nach 200 Metern zu schmerzen und ich nehme „Nitrokapseln“ um den Weg nach Hause
zu schaffen. Das geht aber nur noch im Schneckentempo. Selbst uralte Leute mit
Krückstock gehen schneller als ich und überholen mich unterwegs. WARUM LÄSST
GOTT DAS ZU??? Wo bist du, Gott? Du machst dir da oben im Himmel wohl eine
gemütliche Zeit und hast mich hier unten völlig vergessen! Hast du mich jetzt
ganz im Stich gelassen?
Zur Ablenkung beschäftige ich
mich mit meiner neuen Digicam und drehe mein erstes Video mit dem Titel Herzkasper.
Bypass OP (März
2005)
Wird es eine Bypass OP oder
eine bye-bye Pass OP? Ich mache mir viele Gedanken
über den Tod und das Sterben. Da ich vor der OP noch einige Tage im Krankenhaus
herumlungern muss, um verschiedene Untersuchungen abzuwarten, nehme ich mir
immer wieder ein wenig Zeit, um mit Gott zu reden, der mir ziemlich fern zu
sein scheint. OK, ich habe mich in den letzten Jahren nicht viel um ihn
gekümmert und einfach so vor mich hin gelebt. Dennoch bin ich mir innerlich
sehr sicher, dass ich im Falle des Todes bei ihm aufwachen würde. Ich bin doch
immer noch sein Kind und glaube an meinen Heiland und Erlöser, der einfach
nicht anders kann, als gut und barmherzig zu sein. Er ist doch Liebe!
Er wird nicht vergessen
haben, dass ich die meiste Zeit in meinem Leben versucht habe, ihm von ganzem
Herzen zu dienen und Jesus nachzufolgen. Da mein Leben mir in der letzten Zeit
ziemlich sinnlos und wenig lebenswert erscheint, ist mir der Gedanke, auf dem
OP-Tisch zu verenden, eigentlich gar nicht so furchtbar unsympathisch. Auf ewig
beim HERRN sein. Endlich die Sorgen und Lasten dieses so leicht verletzlichen
Leibes hinter mir zu lassen, den Körper einfach abzustreifen und dem Gott der
Liebe ganz nahe zu sein, der jede Träne von Deinen Augen abwischt und dich mehr
tröstet als du je erwarten oder erhoffen kannst!
Nur meine liebe Frau und
meine Kinder tun mir leid dabei! Ich glaube nicht, dass meine Frau wieder
heiraten würde, und es würde mir sehr leid tun, wenn sie den Rest des Lebens
allein leben müsste. Ich kenne zu viele alte Menschen aus meinem Beruf als
Krankenpfleger, die so einsam im Alter leben müssen. Das ist ein Hundeleben und
ich gönne das Niemandem! Schon gar nicht meiner lieben Sylvia, die von Jugend
an mein Kumpel, meine Gefährtin und tapfere Ehefrau ist. Die Heldenmutter
meiner vier Kinder. Was haben wir nicht schon alles zusammen durchgestanden und
erlebt! Nein, ich möchte sie nicht allein lassen. Ohne mich wird sie einfach
nicht klar kommen. Sie braucht mich doch! Und meine Kinder..., sollen mich
meine Enkelkinder niemals kennen lernen? Ich freue mich doch schon darauf, mit
ihnen später herumzutoben und ihnen alles zu erlauben, was meine eigenen Kinder
nie durften, ihnen heimlich Geld und Süßigkeiten zuzustecken oder mit ihnen ins
Kino zu gehen...
Im Krankenhaus gibt es ein
Internet-Terminal, wo ich meine Emails checke. Dort kann man auch elektronische
Grußkarten schicken, die erst nach Wochen losgeschickt werden. Zu einem
bestimmten Termin. Ich schreibe meiner Frau einen Abschiedsbrief, den sie von
mir erhalten wird, wenn ich schon lange im Jenseits bin. Mit einem schönen
Abschiedsgedicht von Hölderlin oder so. Falls irgendwas schief geht.
Früh am Morgen packt man
sämtliche Klamotten zusammen, duscht noch kurz und zieht sich das Engelhemd an.
Ich creme noch mal meine Haut ein. Der Krankenpflegschüler, der mich rasiert
hat, hat es so gut gemeint, dass große Flächen meiner Haut ganz rot und abgeschabt
sind und ziemlich brennen. Dann harre ich der Dinge und habe ein flaues Gefühl
im Magen. Ich stehe an erster Stelle auf dem OP Plan. Nach zwei Stunden bangen
Wartens kommt eine Schwester ins Zimmer und teilt mir mit, dass ich für heute
vom OP Plan abgesetzt worden sei. Auch stark! Ich ziehe mir wieder meine
Klamotten an und räume den Nachtschrank mit meinen Utensilien ein. Kaum bin ich
damit fertig und habe mich wieder aufs Bett gelegt, kommt ein Mann vom
Krankentransport und will mich zur OP abholen. Na toll. Ein Wechselbad der
Emotionen. Wieder Engelhemd an, schnell die Beruhigungspille einwerfen,
Klamotten in den Sack und los! Ist halt eine Universitätsklinik. Da kommen
Notfälle aus ganz Deutschland rein und bis nach Dänemark hoch. Ich kann
nachvollziehen, dass so mancher Plan dabei unter die Räder kommt. Aber für den
Betroffen Patienten ist so was sehr unangenehm und nicht gerade sehr
vertrauenerweckend. Ich werde in den OP gefahren, muss auf einen OP–Tisch
umsteigen und die Narkose wird eingeleitet. Dann höre und sehe und weiß ich
nichts mehr.
Das erste, woran ich mich
erinnere, ist, dass ich in meinem Bett aufgerichtet werde und gefragt wird, ob
ich Schmerzen habe. Das bejahe ich, und man gibt mir eine Spritze in den Tropf.
Danach weiß ich nichts mehr, außer, dass ich in irgendeiner Grauzone zwischen
Tod und Leben fest hänge und es mir sehr schlecht geht. Die Zeit verrinnt
endlos. Zwischendurch erlange ich manchmal halb das Bewusstsein und frage mich,
wo meine Sylle bleibt. Die ist doch sonst immer da, wenn einer aus unserer
Familie aus der Narkose erwacht. Aber ich bin nicht wirklich wach. Nach der
Schmerzspritze kollabiert mein Kreislauf und die Atmung
und ich muss für mehrere Tage wieder künstlich beatmet werden. Mein Zustand
erinnert mich an irgendeine Vorhölle. Ich habe Schmerzen und entsetzlichen
Durst, kann mich aber nicht rühren oder sprechen. Ab und zu höre ich Stimmen
von Ärzten und einem Nachbarpatienten, der tagelang wirres Zeug von sich gibt.
Einmal höre ich Ärzte tuscheln: Jetzt hat er auch noch Rhythmusstörungen und
Vorhofflimmern. Ich glaub, der schafft es nicht mehr. Der Zustand ist
hoffnungslos. Ich beziehe das auf mich. Mich umgibt eine große Traurigkeit und
Leere. Viel Zeit vergeht in meinem zeitlosen Zustand. Ich weiß nicht, ob es
Tage sind, Stunden, oder eine Ewigkeit. Dann höre ich auf einmal dicht neben
mir eine Stimme: „Hallo, Herr Förthmann. Sind sie wach? Ich glaube, da ist jemand
für sie gekommen!“
Ich mache die Augen auf und
sehe meine liebe Frau. Mein Magen krampft sich vor Freude zusammen. „Endlich
bist du da! Ich habe dich so vermisst. Mir ging es ganz furchtbar elend!“
Meine Frau weint und nimmt meine Hand. „Ich war schon ganz oft da, aber du hast
nichts davon mitbekommen!“ antwortet sie. Sie erzählt mir kurz, was mit mir in
den letzten Tagen los war, dann kommt der Arzt dazu, der mich operiert hat.
„Herr Förthmann, atmen sie jetzt bitte mal ganz tief durch! So fest sie können“
befiehlt er. Ich habe keine Kraft zu atmen, schon gar nicht tief. Mein ganzer
Brustkorb schmerzt und ich bekomme nur eine winzige menge Luft in die Lungen.
Der Arzt versucht eine ganze Zeit, mich zum atmen zu bewegen, aber ich habe
einfach keine Kraft dazu. Jeder Atemzug tut arg weh. Der Arzt verliert ein
wenig die Beherrschung und schreit mich an, dass ich gefälligst atmen sollte,
wenn ich leben wollte, aber es hilft alles nichts. In schneidendem Tonfall
suggeriert er mir: „Herr Förthmann, sie können doch atmen, warum tun sie es
denn bloß nicht?“ Ich wundere mich über meine Antwort, denn ich kann nur ganz
ultralangsam sprechen: „Ich bin zu schwach.“ Meine Worte klingen, wie bei
einem geistig Behinderten, der nur mit größter Mühe die richtigen Worte findet.
Die Besuchszeit ist kurz und
bald kommt der Abend und die Nacht. Ich starre an die Decke und halluziniere ab
und zu. Die Muster der Decke nehmen abenteuerliche und fließende Formen
an. Ich versuche mich immer wieder an die Anweisungen des Arztes zu
erinnern wie ich atmen soll und versuche so tief einzuatmen wie möglich.
Endlose Stunden lang. Ich fühle mich sehr allein und im Stich gelassen.
Die Nachtschicht läst die
Jalousie zum Fenster ihres Dienstzimmers herab, so dass ich keine Pflegekraft
mehr sehen kann. Sie versichern mir: „Wir lassen die Tür offen und hören alles,
was sich in ihrem Zimmer abspielt! Keine Angst. Es kann nichts passieren! Sie
brauchen nur zu rufen und schon sind wir da!“
Das Problem ist, dass ich gar
nicht rufen kann. Nur ganz leise und langsam sprechen. Jedenfalls hört mich in
dieser Nacht niemand, als ich versuche, zu „rufen“. Und niemand kommt. Nur zu
den Routinekontrollen. Eine Klingel wird mir vorsichtshalber erst gar nicht in
die Hand gegeben. Ich liege da in meinem Dämmerzustand und versuche immer
wieder vernünftig zu atmen. „Für dich, Sylle“ sporne ich mich immer wieder an.
„Ich atme für dich“
Verlegung
ins Friederikenstift
Ich weiß nicht mehr genau,
wann sie kamen. Jedenfalls ging es mir noch sehr schlecht und ich hatte
weiterhin die Probleme, richtig zu atmen. Meine Sauerstoffsättigung im Blut war
entsprechend niedrig. Plötzlich baut sich eine kleine Gruppe Ärzte um mein Bett
auf und erklärt mir, dass sie meinen Platz auf der Intensivstation brauchen
würden, weil viele Notfälle reingekommen wären. „Sie sind zur Zeit unser
gesündester Patient“, sagen sie. Ob ich einverstanden wäre, in ein anderes
Krankenhaus verlegt zu werden?
Wenn ich noch der Gesündeste
auf der Intensivstation bin, wie übel muss es dann erst den Notfallpatienten
gehen, denke ich mir und sehe Bilder von Unfallopfern, die mit dem Tode ringen,
vor meinem geistigen Auge. Ich will nicht daran schuld sein, dass
irgendjemand meinetwegen sterben muss und willige natürlich ein. Ich
finde die Intensivstation in der MHH sowieso ziemlich schrecklich, weil nicht
genug gegen meine Schmerzen unternommen wird, und ich ständig das Gefühl habe,
nicht genug Luft zu bekommen. Irgendwann später finde ich heraus, dass dieser
Spruch vom „gesündesten Patienten“ scheinbar der Standardspruch in der MHH ist,
um schnell freie Betten zu bekommen.
In meinem halbtoten Zustand
ist mir auch sowieso alles ziemlich egal. Dann kommen die Herren vom
Notarztwagen, packen mich auf eine Trage und fahren mich zum Auto. Ein Arzt der
MHH begleitet mich. Ich hänge an mehreren Infusionen, Sauerstoff, einigen
arteriellen und venösen Zugängen und mehreren Perfusoren. (Große Spitzen, mit
denen langsam Medikamente in die Venen injiziert werden)
Leider sind die Adapter
meiner Sauerstoffzufuhr nicht mit dem Notarztwagen kompatibel, so dass die
Sanitäter sich einen Notbehelf zusammenflicken müssen. Der Anästhesist, der
mich begleitet, eröffnet mir, dass ich im Friederikenstift noch keinen
Platz auf der Intensivstation habe, sondern erst einmal vielleicht auf eine
Normalstation komme. Das schürt Panik in mir, weil ich weiß, dass keine
Normalstation für so einen Patienten mit dermaßen viel Strippen und Schläuchen
ausgerüstet ist. Gott sei Dank weiß mein Arzt, dass ich auf jeden Fall
intensivpflichtig bin, und telefoniert während der Fahrt noch einmal mit dem
Friederikenstift, dass ich auf keinen Fall durch die normale Aufnahmeprozedur
laufen kann, sondern sofort auf die Intensivstation gehöre. Das Notfallfahrzeug
rumpelt und holpert über die Straßen. Ich spüre jeden Huckel. Mein Blutdruck
steigt dramatisch an, aber der Dr. hat ein paar Adalat Kapseln dabei, die man zerbeißt,
und die ganz schnell den Blutdruck senken. Dummerweise bin ich seit vielen
Jahren schon fast resistent gegen das Zeug, so dass ich kaum darauf anspreche.
Der Arzt wirkt ziemlich nervös und gehetzt, weil er kein anderes Medikament bei
sich hat. Gott sei dank erreicht er, dass ich bei Ankunft sofort auf die
Intensivstation komme. Dort müssen erst kleine Umbauten vorgenommen werden,
weil ich so viele Schläuche, Drähte, Infusionen und Perfusoren an mir
rumbammeln habe, dass der Platz dafür nicht ausreicht. Ich fühle mich richtig
sterbenskrank.
Der Pfleger, der mich betreut
ist sehr nett und hilfsbereit. Er macht mir auf Nachfrage sofort einen schönen
roten Tee. Der ist einfach mehr als köstlich! Wenn du seit Tagen nichts
gegessen und getrunken hast, kannst du solch einfache Dinge erst richtig
schätzen. Der Hagebuttentee schmeckt einfach transzendent, himmlisch, göttlich.
– ich bin Gott und allen Menschen dafür dankbar! Beim nächsten Hagebuttentee
sage ich zu Walter, meinem Pfleger in etwa dies: „Walter, ich glaube nicht,
dass du auch nur im Entferntesten abschätzen kannst, wie gut roter Tee
schmeckt“!
Mir geht es zwar immer noch
sehr schlecht, aber ich werde glücklicherweise regelmäßig mit Morphinen
zugedröhnt, so dass ich kaum Schmerzen habe. Stattdessen fühle ich mich sehr
ruhig und irgendwie zu Hause. Ich sehe blaue und rote Farbflächen an den Wänden
und der Decke. Meine Gedanken kommen und gehen nur sehr langsam und ich kann
mich kaum konzentrieren. Beim Sprechen fallen mir oft die Wörter nicht ein, die
ich sagen will, oder ich spreche andere Wörter aus, als ich gewollt, hatte.
Mein Gehirn scheint immer noch in einem seltsamen Dämmerzustand zu sein.
Irgendwann darf ich dann
sogar etwas essen. – Welche Freude und was für ein Erlebnis! Suppe. Tomatig und
rahmig. Später dann mit etwas Inhalt: Suppe mit Nudeln oder Reis.
Meine Frau besucht mich jetzt
jeden Tag und bringt mir mit, was immer ich mir wünsche: CD – Player mit
Kopfhörern, Bibel und Losungen und ein Buch. Langeweile habe ich hier nicht –
eine erhebliche Verbesserung.
An einem dieser Tage kommt
Walter zu mir und fragt, ob er einen Pastor zu mir reinlassen solle? Ich denke
kurz nach, wer das wohl sein könnte und frage, ob er evangelisch oder
katholisch sei, in der Annahme, dass es der Krankenhausseelsorger wäre.
Dann antworte ich: „Immer nur herein, wenn es ein Pastor ist, egal welcher
Konfession!“ Insgeheim dachte ich mir schon, dass es wahrscheinlich Bernd
sein würde, mein alter Pastor aus besseren Tagen. Er ist bekanntermaßen einer
der wenigen Pastoren, der seine alten Freunde und Weggefährten, sowie manches
verlorene Schäfchen, über viele Jahre immer wieder besucht und nicht fallen
lässt, wenn es ihnen schlecht geht, oder sie nicht mehr so viel mit Gemeinde
und Glauben am Hut haben. – Ich freue mich sehr über diesen Besuch und das er
nach meinem Wohlergehen fragt. Dankbar nehme ich sein Angebot an, mit mir und
für mich zu beten. Ein Lichtstrahl und Hoffnungsschimmer für mich, auch wenn
ich insgeheim so meine Zweifel an Gottes Willen habe, etwas für mich
abgewrackten Kerl zu tun.
Der nächste Lichtstrahl kommt
schon bald. (Meine Frau ist immer für mich ein Lichtblick, deswegen erwähne ich
sie nicht immer) Meine Tochter Simone kommt mich besuchen. Sie kommt ganz
zögernd in meine Nähe und winkt schüchtern mit der Hand. Mir krampft sich vor
Freude der Magen zusammen, sie ist so ein Sonnenschein für mich. Als sie mir
die Hand gibt und mich umarmt, kullern ihr die Tränen die Wangen herunter. Ich
muss wohl ein erbärmliches Bild mit meinen Schläuchen, Drähten und Infusionen
abgeben. Aber darauf komme ich in diesem Moment nicht. Ich bin total verwundert
über ihre Tränen und frage sie, warum sie weint? „Du bist doch mein Vater“,
kommt es aus ihr heraus. – „Wie jetzt – dann hast du mich etwa doch lieb?“,
frage ich erstaunt. (Teenager haben nicht unbedingt die Angewohnheit, ihren
Eltern zu zeigen, dass sie gemocht und geliebt werden) „Ja, natürlich“,
antwortet sie, „wie kannst du so was nur fragen?“ Dann drückt sie mich ganz
herzlich.
Seit diesem Tag weiß ich,
dass meine Tochter mich gern hat, - ich bin ein glücklicher Vater und strahle
innerlich vor Freude, denn ich war mir viele Jahre nicht bewusst, dass meine
Kinder mich wertschätzen und lieb haben. Darüber war ich oft sehr traurig, weil
es mir eigentlich mit das Allerwichtigste ist, was es auf Erden gibt.
Nach der Hölle auf der
Intensivstation der MHH, ist das hier das reinste Paradies. Ich habe kaum
Schmerzen und bin durch die Morphine gelassen und gut drauf. Nur das
große Geschäft auf der Bettpfanne ist mir ein bisschen peinlich, obwohl ich das
früher als Pfleger selbst tausendmal bei anderen durchgezogen habe.
Es muss nach mehr als einer Woche dann einfach mal sein, obwohl ich es den
Pflegern nur ungern zumute.
Ein paar mal gibt es noch
kritische Situationen, weil ich immer noch Vorhofflimmern habe und einen viel
zu hohen Blutdruck, der sich kaum beherrschen lässt. Eine Ärztin sagt mir, dass
ich mit dem Defibrillator geschockt werden müsse, wenn das Flimmern nicht bald
aufhört. Das sind Stromstöße auf den Brustkorb in Narkose. Aber ich komme
noch mal drum herum.
Nach einigen Tagen bessert
sich mein Zustand dann so weit, dass einige arterielle Zugänge gezogen werden
können. Ein paar Infusionspumpen können abgebaut werden und ich werde auf
Normalstation verlegt.
Na wunderbar, alter Junge,
jetzt geht es endlich aufwärts mit dir. Normalstation! Ich komme in ein Zimmer
mit zwei sehr alten und kranken Männern. Sie sind kaum ansprechbar und
leider überhaupt keine Gesprächspartner. Ich bekomme jetzt ganz normale
Vollkost als Mittagessen. Endlich mal wieder Fleisch, Gemüse und Kartoffeln.
Meine Stimmung steigt. Dumm ist nur dass hier nicht wie auf der Intensiv
ständig Schwestern und Pfleger um dich herum sind. Die kommen morgens zum
waschen und Bettenmachen und sind dann weg. Dann kommt das Frühstück und
Medikamente. Ab und zu wird mal Blutdruck und Zucker gemessen. Doch viele
Stunden ist es still im Zimmer, bis auf das gelegentliche Stöhnen meiner
Bettnachbarn. Der Eine ist fast blind und kann nicht alleine essen. Ich bin
froh, dass seine Frau jeden Tag sehr früh kommt, um ihn zu besuchen. Das ist
ein wenig Unterhaltung und Abwechselung. Zum Fernsehen bin ich einfach zu
schwach und schaffe es auch nicht mit den ganzen Kabeln und Kopfhörern umzugehen.
Das Fernsehen läuft über das Telefon und lässt sich nur sehr schwer
umschalten. Ich kann mich durch die Operationsnarbe und die Wundschmerzen
sowieso kaum rühren. Die uralten Krankenhausbetten kann ich selber auch nicht
bedienen und muss streng auf dem Rücken liegen. Das wird mir langsam zur Qual,
weil ich eigentlich nur auf der Seite richtig schlafen kann. Und dann diese
zunehmenden Schmerzen.
Die Morphinspritzen werden
ziemlich schnell reduziert. Ich werde auf andere Schmerzmittel umgestellt, die
aber nur sehr schwach und kurz wirken. Und dann schließlich nur noch eine
Spritze zur Nacht, deren Wirkung um
Ich liege endlose Stunden
wach und höre auf das Klatschen des Regens gegen die Hausfassade. Manchmal hört
es sich so an, als ob Pferdekutschen draußen in der Dunkelheit vorbeifahren.
Oder ist es nur der Wind, der mit den Lamellen der Jalousie spielt?
Die Nachtschwester darf mir
kein Morphium mehr verabreichen und speist mich mit Paracetamol ab. Morgens
schaffe ich es irgendwann, meine Frau anzurufen und sie zu bitten, mir
irgendein „ordentliches“ Schmerzmittel zu beschaffen, da ich hier auf
Station nicht ausreichend versorgt werde. Gott sei Dank haben wir noch ein paar
stärkere Mittel zu hause. Die nehme ich jetzt immer, wenn ich die Schmerzen in
der Brust nicht mehr aushalte. Hoffentlich gehen die mir nicht so auf den
Magen.
Leider reichen die
mitgebrachten Schmerzmittel für
Meine Frau redet mit
der Stationsärztin und die verspricht, ein ordentliches Schmerzschema
anzuordnen, damit ich endlich Ruhe finde.
Nach fünf schlaflosen Nächten
bekomme ich wieder Morphium in Tablettenform.
Endlich wieder
schlafen! Nach dem Frühstück und der Medikamenteneinnahme schlafe ich
sofort wieder ein. Es tut so gut, sich entspannen zu können und schmerzfrei zu
sein. Der Pfleger guckt allerdings sehr besorgt, als er mich irgendwann wecken
muss. Ich habe das Gefühl, dass er so ein Besserwisser ist und aus
irgendwelchen fachidiotischen Gründen dafür sorgen will, dass das Morphium
wieder abgesetzt wird. Und richtig – Am Abend sind die Schmerzen wieder da, ich
bekomme eine Spritze zur Nacht, die bis
Morphium würde abhängig
machen und könnte zu einer Atemdepression führen, die für mich gefährlich
sei. Ich kann ja auf Grund der großen Op- Wunde in der Brust sowieso nicht
richtig tief atmen.
Allerdings ist es
Schwachsinn, dass Morphium süchtig macht, wenn man es wirklich nur gegen starke
Schmerzen einsetzt. Wenn man es nach der Schmerzfreiheit absetzt, gibt es
keinerlei Entzugserscheinungen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.
Offenbar kennen sich die
Ärzte und Pflegekräfte nicht mit moderner Schmerztherapie aus und ich muss
darunter leiden. Das mit der Atemdepression kann man auch vernachlässigen, da
ich mit diesen Schmerzen in der Brust noch viel weniger tief atmen kann. Die
wollen mich wegen ihrer Feigheit und Inkompetenz einfach quälen und leiden
lassen! Ich drehe durch und flehe meine Frau unter Tränen an, mich aus dieser
Folteranstalt zu befreien! Der liebe Gott scheint sich mittlerweile ganz
verkrümelt zu haben.
Ich weine mich beim Pfleger
aus und flehe ihn an, etwas gegen meine kontinuierlichen Schmerzen zu
unternehmen. Der glotzt mich nur höflich und verständnislos an und bringt mir
Paracetamol. Diese Gesundheitsmafia auf der inneren Aufnahmestation ist wie
eine zähe Wand aus Gummi. Kein Verständnis und kein Mitleid. Ich bin ihnen
völlig hilflos ausgeliefert. Was soll ich nur tun?
Mein Gott, warum hilfst du
mir nicht endlich? Dann lass mich doch lieber verrecken, als noch so eine von
diesen schlaflosen, einsamen Nächten durchzumachen!
Irgendwann lassen die
Schmerzen etwas nach. Irgendwann werde ich von den Schwestern an den Bettrand
gesetzt und langsam mobilisiert. Mit Hilfe der Krankengymnastin gehe ich ein
paar Schritte.
Ich werde geduscht. Dafür bin
ich der Schwester sehr dankbar. Es tut so gut, den warmen Wasserstrahl zu
spüren und nach Wochen mal wieder die klebrigen Haare zu waschen. Endlich mal
das Gefühl, wieder so richtig sauber zu sein. Ich kann mir so langsam
vorstellen, irgendwann wieder einmal am Leben teilzunehmen. Aber das liegt noch
in weiter Ferne.
Der Frühling kommt langsam.
Es gibt einige sonnige Tage. Meine liebe Sylvia fährt mich mit dem Rollstuhl
nach draußen in den Garten. Wie schön wäre es, wenn ich wieder richtig laufen
könnte und im Sonnenschein spazieren gehen.
Nach einiger Zeit
schaffe ich es, alleine aufzustehen und mich den Gang entlang zu hangeln bis in
die Vorhalle des Krankenhauses.
Dort sitzen immer ein paar
Leute herum und man kann sich Cola oder Eis aus dem Automaten ziehen. Eine kleine
Abwechslung.
Dann kommt Ostern. Sylvia
holt mich am frühen Nachmittag ab und bringt mich für ein paar Stunden nach
Hause. Ich sitze in meinem bequemen Fernsehsessel und genieße die Stunden mit
der Familie. Ich würde jetzt so gerne zu hause bleiben, aber Sylvia bringt mich
am frühen Abend wieder in diesen gehassten Krankenhauskasten.
Die Finger meiner linken Hand
sind teilweise taub und gefühllos. Eine Folge des langen Liegens auf dem
Op-Tisch. Der zuständige Nerv wurde dadurch gequetscht und beschädigt.
Ringfinger und kleinen Finger kann ich überhaupt nicht richtig bewegen. Ob ich
jemals wieder Gitarre oder Bass spielen kann? Ich fühle mich wie ein
Behinderter. Die Neurologin sagt: „Das wird schon wieder“. Ich habe da große
Zweifel. Wenigstens kann ich jetzt schon mit Mühe allein duschen.
Irgendwann bemerkt meine
Frau, dass das Aussehen meiner Wunde sich an einer Stelle ändert. Ich habe das
Gefühl, dass die durchsägten Knochen sich wie lockere Schollen leicht
verschieben.
In ein paar Tagen soll ich in
die Reha-Klinik in Bad Bevensen verlegt werden. Vorher schaut sich noch ein
Chirurg meine Wundnaht an und meint: „ Da könnte was sein!“ Aber gehen sie man ruhig erst mal nach Bad Bevensen. Die kennen
sich damit aus!“
Bad
Bevensen - Reha-Klinik
(April 2005)
Vor der Fahrt in die Heide
bekomme ich noch eine Spritze Dipidolor (Morphin), damit ich die Fahrt gut
aushalte. Mit den Fahrern des Krankentransports kann man sich gut unterhalten.
Wir sind nach eineinhalb Stunden am Ziel und ich werde abgeliefert. Das Zimmer
ist erste Sahne. Einzelzimmer mit Bad, TV und Telefon. Vom Balkon aus kann man
in den nahen Nadelwald spucken. Es riecht nach Harz. Ich bekomme viele Zettel
und DIN A4 Bögen mit Informationen und To-do-Listen.
Die Medikamente darf ich mir jetzt selber stellen und 2x am Tag muss ich
Blutdruck messen. Die Mahlzeiten gibt es im Speisesaal, so fühlt man sich gar
nicht mehr wie im Krankenhaus, eher wie im Hotel.
Am nächsten Morgen geht es zu
verschiedenen Untersuchungen und zum Radfahren auf dem Ergometer. Die Wege in
der Reha-Klinik sind mir ein bisschen weit, so dass ich schnell völlig
geschlaucht bin und erleichtert aufatme, wenn ich zwischendurch auf dem Bett
liege. Leider war meine erste Nacht so ziemlich schlaflos. Nach meiner
abendlichen Schmerzspritze kann ich 2 Stunden schlafen, bin aber um
Man stellt im
Ultraschall-Echo fest, dass ich eine Wasseransammlung im Pleuraspalt und im
Herzbeutel habe, die das Atmen behindern. Ich weise auf die merkwürdig gefärbte
Stelle an meiner Wundnarbe hin und bekomme einen Termin beim Chirurgen am
nächsten Tag.
Die Nacht ist mal wieder
fürchterlich. Ich kann vor Schmerzen nicht schlafen. Im Liegen habe ich
Atemnot. Es gibt leider keinen Sessel im Zimmer, nur relativ harte Stühle. So
sitze ich denn auf dem Stuhl und gucke fern. Das halte ich aber auch nicht
lange aus, da das Sitzen zu anstrengend ist. Ich klingele nach der
Nachtschwester, die mir statt Spritze das übliche Paracetamol bringt, dass noch
nicht mal bei Kindern gegen Schmerzen hilft. Alles
Kacke!
Am nächsten Morgen verpasse
ich das Fahrradfahren. Dafür schlitzt mir der Chirurg mit dem Skalpell die
OP-Wunde ein Stück weit auf und hat gleich eine Fuhre Eiter auf der Kompresse.
Na schau einmal an. Er drückt und quetscht meine Wunde so stark, dass ich laut stöhne
und Tränen in den Augen habe. Esslöffelweise fließt der Eiter aus der Wunde.
Dann wird die Wunde gespült und bleibt offen, nur provisorisch mit Kompressen
abgedeckt. Ich muss ab sofort starke Antibiotika nehmen. Vielleicht käme ich um
eine erneute Operation herum, meint der Doc, aber viel Hoffnung gäbe es dafür
nicht.
Auf Station gibt es eine
Schmerzspritze extra, weil das Ausquetschen der Wunde gemeine lang anhaltende
Schmerzen ausgelöst hat. Alle Termine an diesem Tag sage ich ab. Das essen wird
mir aufs Zimmer gebracht, weil ich zu nichts mehr in der Lage bin, als auf dem
Bett zu liegen.
Nach einer weiteren
furchtbaren Nacht voller Schmerzen, Atemnot und Schlaflosigkeit gehen die
Termine wieder los. Blutabnahme, Blutzuckerkontrolle im Ohr, Frühstück im
Speisesaal, EKG etc. etc. Die Wege sind mir alle zu weit, weil ich einfach
völlig kraftlos und ausgepowert bin. Statt zum Ergometertraining gehe ich ins
Bett und schlafe ein wenig. Ich streiche alle Termine für den Tag und lasse mir
das Essen nur noch aufs Zimmer bringen. Ich kann einfach nicht mehr. Der
tägliche Verbandswechsel ist sehr schmerzhaft, weil immer der Eiter aus der
Wunde gedrückt wird. Trotz Antibiotika gibt es keinerlei Besserung der Wunde.
Ich habe Angst, dass ich einen dieser multiresistenten Keime, genannt ORSA oder
MRSA, erwischt habe, für den die MHH bekannt ist.
Wenn ich den Gang hinab
schlurfe, habe ich das Gefühl, als sei ein Holzbrett mitten auf meinen
Brustkorb genagelt worden. Ich fühle mich einsam, weil ich nur noch in meinem
Einzelzimmer rumhänge, Fernsehen gucke und auf die Mahlzeiten warte. Allein mit
meinen Ängsten und Schmerzen.
Als der Chirurg mich noch
einmal anschaut, eröffnet er mir, dass ich nochmals nachoperiert werden müsse.
Ich bitte ihn, die Operation hier in der chirurgischen Klinik des Herzzentrums
durchzuführen, da ich mittlerweile Panik vor der MHH in Hannover habe. Erstens
haben die mir diesen blöden Erreger in der Wunde verpasst und zweitens habe ich
noch furchtbare Erinnerungen an die Intensivstation.
Der Doktor ist aber der
Meinung, dass diejenigen, die mich verpfuscht hätten, nun auch die Pflicht
hätten mich wieder in Ordnung zu bringen. Also heißt es unter
keuchen und schwitzen die Reisetasche packen, denn der Krankentransport kommt
schon bald. Zurück in die Medizinische Hochschule Hannover!
Ich komme in ein großes
Sechsbettzimmer mit vielen anderen „Herzkaspern“. Der eine wartet auf ein
neues Herz, der andere hat gerade eine OP hinter sich oder wartet auf eine
besondere Untersuchung. Gott sei dank sind die Schwestern hier nicht so
knauserig mit dem Dipidolor, meinem beliebten Schmerzmittel. Ich bekomme davon,
soviel ich wirklich brauche, um schmerzfrei zu sein. Eine Erlösung! Ich kann
endlich wieder
Der Fernseher läuft den
ganzen Tag. Wir haben sogar Premiere Sport und können die Championsleage und
Bundesliga live verfolgen. Die anderen Herzkasper im Zimmer sind sehr
gesprächig und so kommt überhaupt keine Langeweile auf und ich höre viele
interessante Geschichten. Zum Beispiel die von Herrn Platz: Als ich seinen
Namen höre, erinnere ich mich sofort an das üble dahinvegetieren auf der
Intensivstation hier im Hause. Während ich dort stundenlang mit dem
schmerzhaften Luftholen kämpfte, hörte ich immer wieder seinen Namen: Herr
Platz.
„Hallo Herr Platz, bitte
hinsetzen“ tönte es um die Ecke. Oder: „So, Schatz und jetzt schön den Mund
aufmachen“ von seiner Frau, die ihn jeden Tag besuchte. Ich hörte die Ärzte
halblaut an seinem Bett reden, dass es wohl keinen Zweck mit ihm mehr hätte und
dass er es wohl nicht „schaffen“ würde. Oder wie die Ärzte seiner Frau
verklickerten, dass er wohl nie mehr in die Realität zurückkehren würde.
Herr Platz höchstselbst hatte
mich tagelang mit seinem wirren Gerede und Geschrei genervt. „Alle festhalten,
jetzt geht es los!“ hatte er gebrüllt. Ständig erregte er sich lautstark über
irgendwelche unsichtbaren Phantome, die ihn offenbar bedrängten. Seine Stimme
begleitete mich tagelang und es war offensichtlich, dass er sich in einem
traumhaften Dämmerzustand befand, aus dem er nicht wieder herauskam.
Dieser selbe Mensch begegnet
mir nun putzmunter und völlig bei Sinnen im Sechsbettzimmer wieder. Es geht ihm
nicht nur völlig blendend, nein, er ist auch sehr gesprächig und unterhält das
ganze Zimmer mit seinen Geschichten. Unter anderem war er Besitzer einer großen
Gärtnerei gewesen, saß in mehreren Aufsichtsräten und hat einen
Schwimmverein gegründet. Ein nüchterner und praktischer Mensch, der mitten im
Leben steht. Und dieser Mensch hatte ein besonderes Erlebnis auf der
Intensivstation gehabt, dass er uns jetzt erzählt:
„Wisst ihr, Jungs, früher
habe ich kein religiöses oder christliches Leben geführt. Gott hat mich
überhaupt nicht interessiert. Jawohl ich habe irgendwie an ein höheres Wesen
geglaubt, wie die meisten Menschen. Eine nebulöse Kraft, die alles bestimmt.
Aber während die Ärzte auf der Intensiv mich schon aufgegeben hatten, hatte ich
eine Vision von Gott. Ich war im Paradies und bin meiner Tochter begegnet, die
schon lange verstorben ist. Ich war im Paradies! Früher glaubte ich so
schwammig an irgendeine höhere Kraft, aber jetzt weiß ich das Gott wirklich
existiert!“ Diesen Satz betont er sehr stark und mehrmals: „Jetzt weiß ich,
dass es Gott wirklich gibt!“
Mir laufen die Tränen nur so
die Wangen herunter und ich will dazwischenrufen: Ja, Herr Platz hat recht! Ich
bin Gott auch schon begegnet – früher. ich weiß auch, dass mein Erlöser lebt!
Aber ich kann keine Worte finden. Was, wenn sich ein Gespräch ergibt und die
Anderen mich fragen, warum Gott mich denn nicht heilt, wo ich doch an göttliche
Heilung glaube? Was wenn sie mich fragen, warum ich mein Leben nicht in den
Griff kriege, wo doch Jesus mein guter Hirte ist und immer auf mich
aufpasst? Da hält der ehemalige Gemeindegründer, Bibellehrer, Prophet und
Lobpreisleiter lieber die Schnauze und bleibt ganz still. Aber ich freue mich
sehr über Herrn Platz und sein Erlebnis. Auch die anderen Herzkranken im Zimmer
werden ganz still und nachdenklich.
Die Tage sind nett und
freundlich. Die angekündigte schnelle OP lässt auf sich warten. Ich vertreibe
mir die Zeit mit Zeitungslesen (was ich sehr liebe) und schlendere ganz langsam
durch die große Eingangshalle, die mehr einer Ladenstrasse gleicht. Dort hole
ich mir oft ein ausgesprochen leckeres Eis im Café und setze mich draußen im
Park auf eine nahe Bank und genieße die Sonne. Es ist endlich Frühling
geworden, die Bäume tragen wieder Grün und die ersten Blüten kommen heraus.
Vögel zwitschern und eine Katze rekelt sich im Gebüsch. Viele Kranke
lassen sich im Rollstuhl in die Sonne fahren oder kommen allein angehumpelt und
angeschlichen. Dicke Verbände um den Kopf oder die Extremitäten, Infusionen und
Pumpen werden mitgebracht, durch die Medikamente in den Körper hineinfließen
oder Wundsekrete abgesaugt werden. Aus manchen Extremitäten ragen metallische
Geräte heraus, die in den Knochen verankert sind, sogenannte Fixateur Externe.
Auf dem Rückweg komme ich an der Kapelle vorbei und schaue hinein. Bunte
Glasfenster und ein riesiger Kerzenleuchter, der von Künstlerhand verziert ist,
begrüßen mich stumm und freundlich. Auf dem Altar brennt ständig eine Kerze.
Alles ist still und feierlich hier. Ich schlurfe zurück ins Zimmer, wo die
anderen Herzkasper mich erwarten und ständig in Gespräche verwickeln. Vor
lauter Gequatsche komme ich oft kaum mit meiner HAZ (Hannoversche Allgemeine
Zeitung) zu ende, oder lese manchen Satz drei- viermal, weil ich ständig
unterbrochen werde. Hauptsache die Zeit geht schnell um, denn ich möchte
endlich operiert werden.
Das lateinische Wort ist schnell
erklärt. Der Thorax (Brustkorb) wird erneut aufgeschnitten, die alten
Metalldrähte um das Brustbein herum entfernt, der entzündete Teil des
Brustbeins wird entfernt, und alles wird neu verdrahtet und zugenäht.
Heute früh soll es beginnen.
Ich stehe schon früh auf, dusche mich und ziehe das Engelhemd, die
orthopädischen Strümpfe und den Papierschlüpfer an. Es ist
Ah, endlich – um halb Zehn
gibt es die „Leck-mich-am-Arsch-Pille“. Danach werde ich ganz zufrieden und
entspannt und nicke sogar ein wenig ein.
Es wird Mittag. Während die
anderen ihr Mittagessen bekommen, stelle ich den Schwestern die Frage, wann ich
denn nun endlich in den OP gebracht werde. „Das kann Nachmittag werden“,
vermittelt man mir und bei mir kommt so langsam Frust und Unglaube auf.
Ohne Trinken und Essen
verbringe ich den Tag im Bett. Ich darf nicht aufstehen, weil ich dadurch Krankheitserreger
in mein frisch gemachtes Bett schleppen könnte.
Es wird Abend – die Spannung
legt sich langsam – ich scherze mit den Bettnachbarn über die ständigen
Verschiebungen von OPs, die sie auch zur Genüge kennen gelernt haben. Ich
glaube nicht mehr, dass ich tatsächlich heute noch dran komme und richte mich
darauf ein, endlich etwas zum Abendbrot zu bekommen. Aber denkste, es geht
sofort los, sagt man mir.
Ich muss ganz schnell noch
eine Beruhigungspille schlucken, da die Wirkung der ersten schon lange
verflogen ist. Der Transporteur hat es sehr eilig, es muss plötzlich alles
husch-husch gehen. Wir kommen im OP an und ich werde in den Vorbereitungsraum
gebracht. Der Anästhesist legt noch schnell eine Verweilkanüle in meinen
Handrücken, Infusion dran und los! „Es dauert noch einen Moment, “ wird mir
gesagt, „der OP-Saal ist noch nicht frei, die sind da noch am operieren!“ Ich
warte eine halbe Stunde. Der Anästhesist kommt wieder und entschuldigt sich:
„Das ist wohl eine sehr schwierige Operation da drinnen.“ Ich werde aus der
OP-Schleuse wieder herausgefahren und in einen separaten Raum gebracht. Neben
mir liegt ein kleines Kind, dass am Weinen, quäken und schreien ist. Die
türkische Mutter tut mir leid, sie kann ihr Kleines kaum beruhigen.
Langsam werde ich sauer. Es
ist schon nach
Irgendwann geht es dann doch
noch unerwartet wieder in die Op-Schleuse und ich bekomme meine Schlafspritze,
die sofort wirkt. Ich bin dann mal 'ne Weile weg!
Ich kann nicht glauben, dass
dieser Scheiß gegen solch starke Schmerzen helfen soll, doch der Pfleger meint,
dass es hochwirksam sei. Außerdem kann Morphin ja eine Atemdepression
verursachen, die ganz gefährlich sei. Nach der Infusion geht es mir
möglicherweise fünf Minuten etwas besser, kann ich aber schlecht sagen. Ich
stöhne weiter vor Schmerzen und weiß mir nicht zu helfen. Mir geht es einfach
Hundeelend und ich fühle mich dem Pflegepersonal so völlig ausgeliefert. Schon
im Friederikenstift haben die sich ein Ei auf meine Schmerzen gepellt und nur
dämlich geguckt, wenn ich wegen der unerträglichen Schmerzen geklingelt habe.
Besonders so ein besserwisserischer Pfleger ist mir da noch gut in Erinnerung.
Der Intensivpfleger kommt unaufgefordert wieder und herrscht mich halblaut in
einem unverschämten Tonfall an: „Nun hören sie mal endlich auf hier so laut zu
stöhnen! Es sind auch noch andere Patienten hier, denen es schlecht geht. Sie
sind schließlich nicht der Einzige hier! Nehmen sie doch endlich mal Rücksicht
auf die Andern.“
Ich fange still an zu weinen
und versuche mein Stöhnen zu unterdrücken. Aber es klappt einfach nicht,
sondern wird mit der Zeit lauter und lauter. Schließlich fange ich an,
unterdrückt zu schreien – ich halte das nicht länger aus – und irgendwie hilft
das Schreien etwas gegen den Schmerz. Es geht jedenfalls nicht ohne! Mürrisch
gibt mir der Pfleger endlich eine ausreichende Dosis Schmerzmittel. Die Wartezeit
bis dahin scheint mir schier endlos. Ich bin nur dankbar und völlig unfähig,
irgendwie aufzumucken.
Später in der Nacht oder am
frühen Morgen kommt noch eine türkisch aussehende Schwester mit einer
Schwesternschülerin an mein Bett. Sie wollen mir Blut abnehmen. Die Schwester
gibt der Schülerin die Anweisung mich zu stechen, ohne mich um Erlaubnis zu
bitten. Die Schülerin stochert in meinem Handrücken herum und quält mich ohne
Erfolg. Eigentlich hatte ich heute Nacht schon genug Schmerzen, warum muss die
ausgerechnet jetzt an mir üben? Ich bin zu schwach zum protestieren. Willenlos
lasse ich die Prozedur über mich ergehen. Schließlich übernimmt die erfahrene
Schwester die Blutentnahme.
Es wird Morgen und neues
Personal erscheint. Ein möglicherweise schwuler Pfleger kümmert sich jetzt um
mich. Gepriesen seien die Schwulen! Denn sie sind freundlich und fürsorglich.
Ich darf schon bald trinken
und werde jetzt ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt. Irgendwann kommt Gott
sei Dank meine Sylle und tröstet mich. Ich darf sogar schon bald eine Suppe
essen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Es geht mir wieder besser.
Sechs dicke Schläuche hängen
aus meiner Brust und meinem Bauch heraus. Über dem Brustbein läuft durch Zwei
eine Spülflüssigkeit in die OP-Wunde hinein und über dem Bauchnabel kommen Vier
heraus, die das Wundsekret und die Spülflüssigkeit absaugen. Alles läuft in
einen Behälter, der mit einer Vakuumpumpe verbunden ist.
Schon
Herzstation 15
Gott sei Dank bin ich weg von
dieser vermaledeiten Intensivstation! Dort ist man hilflos den Launen des
Personals ausgesetzt und ist zu schwach um sich zu wehren. Hier auf Station 15
sind wenigstens normale Menschen. Morgens kommen oft drei hübsche, junge Krankenschwestern
zum Bettenmachen, die schnell in „drei Engel für Charlie“ umgetauft werden. Das
die bei all dem Stress so nett und fröhlich sind – immer für einen Joke zu
haben und immer gut drauf. Ich bin dankbar.
Hier werden meine
Wundschmerzen wenigstens ausreichend behandelt. Ich bin so was von erleichtert,
dass die Ärztin mir verspricht, jedes Mal eine Ampulle Dipidolor zu spendieren,
wenn die Schmerzen unerträglich werden. Und sie hält tatsächlich, was sie
versprochen hat. Ich hatte solche Angst, wieder verarscht zu werden wie in der
„Friederike“, aber ich muss keine Schmerzen mehr erleiden – es geht mir so gut!
Die Betten in der MHH sind
‚ne Wucht! Schon nach kurzer Zeit schaffe ich es, mit einem Arm, an dem keine
Schläuche bammeln, das Bett hoch und runter zu stellen, wie es mir gerade
bequem ist. Was für ein Segen für jemand, der gewohnt ist, auf der Seite zu
schlafen, wenn man wenigstens das Kopfteil selbständig bewegen kann. Und dann
sogar noch das Fußteil! So mache ich mir oft eine saubequeme Mulde, indem ich
Fuß- und Kopfteil gleichzeitig anhebe. Dadurch kann man auch das ganze
Wundgebiet entlasten. Zusätzlich habe ich einen breiten, flexiblen Gurt um die
Brust, der die Wunde komprimiert und fixiert, so dass die Schmerzen durch
unwillkürliche Bewegungen begrenzt werden.
Nach drei Tagen bin ich
komplett schmerzfrei und brauche keine Morphinspritzen mehr. Nun reichen die
weniger starken Schmerzmittel aus und selbstverständlich habe ich keinerlei
Entzugserscheinungen von dem wochenlangen Opiatkonsum. Manche Ärzte und
Schwestern oder Pfleger spinnen einfach total, wenn sie so starke Bedenken
wegen der Suchtwirkungen von Opiaten haben. Es ist völliger Quatsch, dass ein
Mensch, der tatsächlich starke Schmerzen hat, süchtig von dem Zeug wird. Es ist
vielfach erwiesen und durch Erfahrungen in Kriegszeiten belegt, dass man
Morphine problemlos absetzen kann, wenn die Schmerzen aufhören. Und so ist das
auch bei mir der Fall. Kein Verlangen nach der Spritze mehr, keine psychische
Abhängigkeit, nur Glücksgefühle über die Tatsache, keine Schmerzen mehr zu
haben. Endlich…
Irgendwann hat meine
Brustspülung ein Leck und die ganze Spülflüssigkeit läuft nicht mehr in die
OP-Wunde hinein, sondern irgendwie nebenbei. Mein Nachthemd und der Brustgurt
werden ständig nass und ich klingele öfter mal, um „trockengelegt“ zu werden.
Wie dankbar bin ich für die aufopfernde Pflege der Schwestern, die mir ein
neues Nachthemd und Brustgurt anziehen und mir den Rücken mit Franzbranntwein
abreiben. Ich liebe diesen Geruch von ätherischen Ölen und Alkohol. Wenn die
Nachtschwester nicht sofort Zeit hat mir zu helfen, sagt sie mir konkret was
sie noch zu tun hat und wann sie kommen wird. Ein Hoch auf alle
Nachtschwestern!
Es macht keinen Sinn mehr,
die Brustwunde noch weiter zu spülen, weil fast alles daneben läuft. So
beschließen die Ärzte, die beiden zuführenden Schläuche zu ziehen. Ich denke
mir nichts dabei, denn das Ziehen von Verweilkanülen oder Kathetern ist
eigentlich so gut wie schmerzlos. Arglos wie ich bin, freue ich mich auf die
Prozedur. Jeder Schlauch der entfernt wird, ist ein Weg bergauf – hin zu meiner
völligen Genesung. Aber holla! Wie erfrischend, bohrend und ziehend ist denn
dieser Schmerz? Es fährt mir durch alle Glieder und ich zittere am ganzen
Körper. Die Schläuche waren ziemlich dick und steckten tief im Körper – Gut,
dass ich vorher nicht wusste, wie weh das tut. Und der Schmerz ist nach ein
paar Minuten vorbei und kommt auch nicht wieder. Doch mir graut schon vor dem
Ziehen der restlichen vier Schläuche im Bauch. Die sind nämlich noch um einiges
dicker, sind aber Gott sei Dank nicht heute dran, sondern erst in ein paar
Tagen.
Ich bekomme jeden Tag Besuch
von meiner Frau, die mir geschickt mit dem Waschlappen mal die Haare wäscht.
Gut, dass ich mir von ihr einen „Mecki“ vor der OP schneiden
ließ, denn Haarewaschen geht bei einem Bettlägerigen einfach sehr schwer. Sie
cremt mir sogar die Füße mit Bodylotion ein, weil die Haut immer so schnell bei
mir austrocknet. Solchen Luxus können sich die vielbeschäftigten Pflegekräfte
kaum leisten.
Auch mein Hauskreis-Klaus
kommt öfter vorbei. Er ist in der MHH beschäftigt und verbringt so manche Pause
an meinem Bett. Das finde ich sehr nett, obwohl ich manchmal den Verdacht habe,
dass er hauptsächlich kommt, weil es auf dem Flur einen Wagen mit immer
frischem Kaffee gibt. Dann kommt mein großer Sohn, der Ben, auch ständig und
stellt mir eine Freundin vor, die zufälliger Weise gerade Schwesternschülerin
auf meiner Station ist. Ich müsste sie eigentlich noch aus meiner alten
Gemeinde kennen, wo sie oft im Gottesdienst mit den Jugendlichen saß.
Fehlanzeige. Sie kommt mir völlig unbekannt vor, obwohl der Jugendkreis sich ab
und zu in unserem Keller getroffen hatte.
Emilia ist sehr nett und
außerordentlich erfrischend in ihrer unkomplizierten Art. Sie mag zwar keine
Nadel mit dem Antithrombosemittel in meinen Bauch stechen, weil sie mich nicht
quälen will, aber sie setzt sich oft an meinen Bettrand, liest mir die
Herrnhuter Losungen vor und betet für mich. Obwohl der Glaube an das Wort
Gottes bei mir ziemlich durchlöchert ist und ich kaum noch auf die Kraft des
Gebetes vertraue, stärkt mich ihr kindlicher Glaube. Eigentlich habe ich
tausend Einwände, Zweifel und kritische Anfragen an Gott, aber ich will der
kleinen Schwesternschülerin nicht weh tun und versuche so gut wie möglich die
Klappe zu halten und meine Enttäuschung über Gott zurück zu halten. Nach
Dienstschluss kommt sie immer vorbei, um sich zu verabschieden und zu plaudern.
Ich freue mich jedes Mal sehr über ihre Besuche.
Jeden Morgen wird mir Blut
aus der Vene entnommen, ich weiß auch nicht, ob das so häufig sein muss, aber
ich muss mich damit abfinden. Meine Beiden Arme sind schon völlig zerstochen,
da ich ja schon seit Wochen im Krankenhaus liege. Deshalb muss ab und zu auch
mal der Handrücken oder eine andere Stelle herhalten. Am häufigsten besucht
mich Dr. Cho aus China, der nur gebrochen deutsch spricht. Er hat das typisch
chinesische Grinsen drauf, während er meistens an der Vene vorbei sticht. Dann
sucht und prokelt er noch eine Weile im Arm herum, ob der Quell noch anderswo
anzubohren wäre, aber nach dem dritten Versuch an unterschiedlichen Stellen
holt er dann einen Profi zur Hilfe. (Im Krankenhaus werden meistens nur die zum
Blutabnehmen kommandiert, die es noch lernen müssen)
Eines Tages trifft er
tatsächlich auf Anhieb eine ergiebige Stelle, die ich sofort mit dem Kuli
markiere und „Dr. Cho Point“ taufe. Das nächste Mal bestehe ich darauf, dass er
nur noch an dieser Stelle sticht und es klappt tatsächlich so. Leider nur
einmal, dann ist wieder Sense damit.
Dann kommt der Tag, an dem
die restlichen Schläuche gezogen werden sollen. Ohne Betäubung jeglicher Art.
Ich habe ziemlichen Bammel davor, denn der Schmerz vom letzten Mal war kaum
auszuhalten. Dr. Cho und ein Arzt mit türkischem Akzent nähern sich meinem Bett
und ich schaue hilfesuchend und verzweifelt im Zimmer umher. „Kann das nicht
jemand anders machen?“, frage ich den Türken, „meine Frau ist gar nicht da um
bei mir Händchen zu halten!“ „Das mit dem Händchen halten kann doch Dr. Cho
übernehmen“, grinst der Türke, aber er holt vorsichtshalber die Stationsärztin
dazu. Mein Gesichtsausdruck muss wohl doch ziemlich verzweifelt gewesen sein!
Die Ärztin ist eine junge
Griechin und sehr hübsch. Sie bietet mir tatsächlich an, meine Hand fest zu
halten während die grinsenden Schlachter die fetten Plastikschläuche aus meinem
Bauch ziehen und drückt mich dabei ganz fest an ihre Brust. Es sind wirklich
höllische Schmerzen, die aber in wenigen Minuten nach der Prozedur
verschwinden. Und die Nähe einer hübschen dunkeläugigen Schönen hilft
tatsächlich, den Schmerz zu lindern. Was eine Frau doch für einen Unterschied
ausmachen kann! Ich bin ihr jedenfalls sehr dankbar für den seelischen
Beistand.
Der
Garten, die Halle und der Gottesdienst
Nun darf ich so langsam
aufstehen und ein paar Schritte laufen. Zu Anfang bin ich froh, endlich alleine
auf die Toilette gehen zu können und den Gang einmal auf und ab zu schlurfen.
Viel geht nicht, aber ich steigere mich von Tag zu Tag.
Schon bald mache ich mich
heimlich aus dem Staub, gehe zum Fahrstuhl und fahre runter in die große
Eingangshalle, die gleichzeitig eine Ladenstrasse ist. Früh am morgen nach dem
Frühstück hole ich mir die Tageszeitung vom Kiosk und lese sie ausführlich und
genüsslich. Ab und an schlendere ich am Café, dem Andachtsraum und dem
Lebensmittelladen vorbei. Eine Patientenbücherei und einen Buchladen gibt es
hier auch. Und…einen Internetanschluss, einen Geldautomaten, einen Blumenladen
und viele bequeme Sessel mit Aussicht in den parkähnlichen Garten.
Es ist nun wirklich ein
herrlicher Frühling geworden, draußen knospt und blüht es schon gewaltig. Ich
setze mich auf eine der Bänke im Park, wenn die Sonne scheint und lese Zeitung.
Viele Kaputte und Kranke wandern hier umher oder sitzen auf den Bänken mit
Verbänden, Schienen, laufenden Infusionen oder Pumpen oder werden im Rollstuhl
geschoben. Es wird geraucht und Eis gegessen oder man sitzt und steht in
Grüppchen herum und schwatzt zusammen.
Ob es mit mir endlich wieder
bergauf geht? Ich habe kaum die Puste, um längere Strecken im Park zu gehen und
verliere ganz schnell die Kraft. Ich gehe eigentlich auch nicht wirklich
– ich schleiche dahin und werde von alten Opas und Omas mit Leichtigkeit
überholt. Die kleine Treppe im Park erscheint mir wie ein unüberwindliches
Hindernis und ich brauche ewig, um sie emporzuschleichen. Schritt für Schritt…
Schritt für Schritt muss ich meine ganze Kraft zusammennehmen.
In der Halle liegt der
Gemeindebrief der evangelischen Kirche aus. Ich blättere in ihm herum und lese
die Bibelverse. Sie sind ermutigend und regen mich zum Nachdenken an. Hat Gott
mich ganz und gar verlassen? Denkt er überhaupt noch an mich und meine Misere?
Ich bete seit Wochen so gut wie gar nicht mehr und lese seit langer Zeit meine
Bibel nicht mehr. Was will er mit so einem abgefallenen, kaputten Christen wie
mir auch noch anfangen? Ich kann ja gar nichts mehr für ihn tun, ich halte mich
gerade so eben über Wasser. Ich schaue auf die großen Nadelbäume draußen,
stelle mir vor, wie harzig sie riechen und werde innerlich sehr ruhig. Es ist
schön hier auf den Sesseln vor der Kapelle. Meine Gedanken wandern herum
in die Vergangenheit, wie ich mit Gott gelebt und was ich alles mit ihm erlebt
habe und versuchte für ihn zu tun. Hatte das überhaupt irgendeinen Sinn gehabt?
Konnte ich wirklich Menschen inspirieren, ihnen Glauben, Hoffnung und Liebe
vermitteln, oder war ich nur ein Selbstdarsteller gewesen? Gott redet schon
seit vielen Jahren nicht mehr mit mir, er schweigt auch jetzt. Aber irgendwie
habe ich das Gefühl, dass er dennoch da ist und mich irgendwie trägt, obwohl
ich so ein Heide geworden bin und überhaupt nichts mehr für ihn tue. Und obwohl
er mich in dieses elende Loch der Krankheit hat fallen lassen. Er ist dennoch
gegenwärtig.
Ich mache noch eine kleine
Tour durch den Garten und sinniere im Gehen weiter. Leise murmelnd rede ich mit
Gott und ein Psalm Davids kommt mir in den Sinn. Die Verse und das frische Grün
des Parks trösten mich, ja ich bekomme sogar neue Hoffnung und spüre etwas vom
Frieden, den Jesus uns versprochen hat.
Es ist zehn Uhr zehn. Ich
gehe an der Kapelle vorbei und bemerke: „Es ist ja Sonntag heute und der
Gottesdienst läuft schon“! Still öffne ich die Tür und nehme in der letzten
Reihe platz. Das Licht scheint mild und schön durch die bunten Glasfenster, auf
dem Altar brennen Kerzen. Jemand reicht mir schnell ein Gesangbuch und ich
versuche leise die altertümlichen Lieder mitzusingen. Die Melodien kenne ich
kaum noch, aber die Texte sind tiefgründig, sprechen von Leid, Freude an Gott
und Erlösung. Dann fängt die blonde Pastorin an zu predigen und spricht über
den gleichen Psalm, der mir im Park in den Sinn kam. Zufall? Mir schießen
Tränen in die Augen und Ich schäme mich nicht. Beim Abendmahl gehe ich nach
vorne und nehme Brot und Wein in Empfang. Für mich ist es mehr als natürliches
Brot und natürlicher Wein. Es ist Gemeinschaft mit Jesus, dem gekreuzigten und
Auferstandenen. Es ist Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen, die am Altar
stehen. Blicke mit meiner Nachbarin, einer älteren Dame, kreuzen sich und ich
sehe den Glauben und Dankbarkeit in ihren Augen. Wir sind Geschwister im
Geiste. Ich werde irgendwann wiederkommen.
An einem sonnigen, warmen Tag
im Mai höre ich plötzlich Musik aus dem Park heraufschallen. Meine Sylle
schnappt mich unter dem Arm und wir gehen hinunter und schauen uns die Sache an.
Ein großer Bläserchor spielt alte und moderne Melodien. Wir setzen uns in der
Nähe auf die Bank und hören zu. Viele haben ein Lila Halstuch umgebunden. Es
ist Kirchentag in Hannover. Ich finde es nett, dass der Kirchentag direkt zu
mir ins Krankenhaus kommt. Alle Bläser sind mit Inbrunst bei der Sache. Ein
alter Herr sieht aus wie 90 Jahre alt, steht in der prallen Sonne und spielt
Posaune für mich. Was hat der nur für eine Power bei der Hitze! Neben dem
Bläserchor stehen kalte Getränke, die uns Kranken gereicht werden. Das ist mehr
als eine Geste. Ich bin sehr gerührt und singe bei einem schönen alten Gospel
die Verse mit. Amazing Grace, how sweet the Sound…
Der Sound ist einfach klasse
und ich bin mitten drin. Obwohl meine Musik mehr Rock und Blues ist, macht es
Spaß, den Leuten zuzuschauen, denn sie haben Freude bei der Sache und strahlen
sie auch aus. Oh happy day!
Auf ein Zweites! Der
Krankenwagen holt mich mal wieder ab und rollt mit mir erneut in die
Reha-Klinik in Bad Bevensen.
Diesmal ohne Schmerzen,
halleluja. Mein Zimmer ist schön, ich schaue auf dichten Nadelwald, dessen Harz
man bis rauf auf meinen Balkon riechen kann. Ich atme tief ein, denn ich liebe
diesen Geruch! Er ist bestimmt gesund für die Bronchien.
Alles ist ganz ruhig hier,
bis auf das leise klopfen eines Motors oder
Dieselaggregats, dass aus dem Keller heraufzuschallen scheint. Na ja man hört
es nur ganz leise und ich kann ja meine Musik und den Fernseher aufdrehen,
falls es mal stören sollte.
Ich habe einige MP3-Cds und
einen CD-Spieler, der dieses Format abspielen kann. So habe ich fast die Hälfte
meiner Musiksammlung mit dabei und höre Hendrix, die Doors und Beatles. Rock’n Roll ist doch was Feines. Diese Rockerhelden haben
auch viel Scheiß in ihrem Leben erlebt und sind oft früh gestorben. Schade,
dass meine beiden Finger der linken Hand immer noch taub sind, mit dem Bass
spielen wird wohl nichts mehr – Scarlet Anvil Band Ade! Hat immer viel Spaß
gemacht die Verstärker hochzudrehen und die Gitarren jaulen zu lassen. Mit
Arbeit ist wohl auch Sense, mein Herz scheint einfach zu schwach dafür. Nach
einiger Zeit mache ich Gymnastik mit und gehe mit einer Gruppe draußen „Walken“
mit Skistöcken.
Beim „Nordic Walking“ stellt
sich heraus, dass viele Leute, die wesentlich später als ich operiert wurden
schon wesentlich fitter sind als ich. Die werden in die nächste Gruppe
befördert, die schneller und mehr laufen. Aber ich bin schon froh, dass ich es
überhaupt schaffe, bei diesen Aktivitäten im Freien mitzumachen.
Ab und zu gehe ich allein ein
paar hundert Meter durch den angrenzenden Nadelwald und atme tief den harzigen
Duft der Kiefern ein. Mmmh... ich liebe diesen
Geruch. Er ist so lebendig und irgendwie leicht betäubend – als ob man
Gesundheit einatmet. Entlang der Hauptstrasse gibt es einen Waldweg, der
schnell zu einer Kanalbrücke führt. Auf der Brücke ist es meistens windig und
ich bin froh, eine warme Jacke anzuhaben. Hier kommen viele Binnenschiffe
entlanggeschippert und ich sehe ihnen zu, wie sie am Horizont auftauchen und
vorbeifahren. Manche haben ihre Pkws auf Deck mitgenommen, manche trocknen ihre
Wäsche auf Deck. Irgendwie beneide ich diese Leute mit ihrem unabhängigen
Leben. Immer unterwegs durch schöne Natur. Kein Stillstand wie bei mir – die
kommen voran! Manchmal ergibt sich ein kleines Gespräch mit anderen Patienten,
die auch auf der Brücke verweilen, aber meistens stehe ich dort allein und
schaue den Booten und Schiffen zu.
Außer Gymnastik und Nordic
Walking gibt es regelmäßiges Ausdauertraining auf dem Ergometer in der Gruppe.
Da werden immer lustige Sprüche gemacht und zwischendurch Blutdruck und Puls
gemessen. Dann gibt es noch Vorlesungen über die richtige Ernährung, den
heilenden Effekt von Bewegung und Sport sowie Aufklärung über Herzkrankheiten.
Das Entspannungstraining gefällt mir mit am Besten, weil man da meistens ganz
ruhig auf der Liege herumliegt. Die Befürchtung, sich hier auf „esoterische“
Praktiken einzulassen erweist sich schnell als unbegründet.
Nach dem Mittagessen, das ich
zusammen mit den Anderen im Speisesaal genieße ist fast immer Zeit für einen
kleinen Mittagsschlaf oder zumindest Ausruhen auf dem Bett, bevor die nächsten
Veranstaltungen, Untersuchungen oder Therapien losgehen. Komisch – heute
Nachmittag klopft das Dieselaggregat im Keller aber unrund. Es stolpert ab und
zu. Oder setzt zwischendurch aus. Merkwürdig. Ob da was kaputt ist? Ich fühle
mir selbst den Puls und stelle mit Schrecken fest, dass mein Herz sich im
selben Takt wie die Pumpe im Keller zu befinden scheint. Es gibt
überhaupt kein Aggregat im Keller – ich höre meinen eigenen Herzschlag, wenn
die Umgebung ruhig ist! Leise Panik steigt in mir auf. Das ist doch nicht normal!
Niemals konnte ich zuvor meinen Herzschlag ohne Stethoskop hören. Ob wirklich
alles mit mir in Ordnung ist? Ich habe ja immer noch Wasseransammlungen im
Herzbeutel und im Pleuraspalt. Ob die Luftnot bald wiederkommt? Geht die
Entzündung meines Brustbeins wieder los? Bloß nie wieder diese furchtbaren
Schmerzen durchmachen müssen!
Ein Kollege von mir in der
Reha-Klinik, ein junger Mann von knapp 40 Jahren und Familienvater hatte auch
eine Entzündung des Brustbeins wie ich und schon die dritte OP hinter sich. Und
nun wurde wieder Eiter in seinem Wundgebiet entdeckt. Sein Brustbein ist nur
noch rudimentär vorhanden und er hat Angst vor einer nochmaligen OP. Er tut mir
sehr leid. Seine Kinder sind noch so klein und sie vermissen ihren Papa. Er ist
schon so lange im Krankenhaus. Viel zu lange.
Ich fühle mich sehr allein
hier in Bevensen in der Heide. Manchmal wäre ich lieber wieder im
Mehrbettzimmer in Hannovers MHH. Man hat viel zu viel Zeit zum Nachdenken im
Einzelzimmer. Man hat zu viel Zeit sich Sorgen zu machen. Ich vermisse den
täglichen Besuch meiner lieben Frau. Draußen dreht sich die Welt munter weiter,
meine Frau geht arbeiten, die Kinder studieren oder gehen zur Schule oder in
ihre Ausbildungsbetriebe. Ein Sohn von mir ist weit weg in Israel als Zivildienstleistender.
Und ich sitze hier fest in der Walachei! Das tägliche Telefonat mit meiner Frau
bestätigt eher mein Gefühl von Einsamkeit.
Als sie mich am Wochenende
einmal mit dem Motorrad besucht, bitte ich sie zu mir aufs Bett zu kommen und
sich ganz eng an mich zu kuscheln. Es tut mir so gut, ihre Nähe zu spüren – für
eine halbe Stunde. „Gott sei dank hältst Du zu mir in dieser schweren Zeit!“
Ich wäre so gern wieder zu hause bei Dir.
Das tägliche Training geht
weiter, aber ich spüre kaum Fortschritte in meinem kraftlosen Zustand. Immer
noch fühle ich dieses seltsame angenagelte Holzbrett auf dem Brustkorb. Immer
wieder höre ich meinen Herzschlag stolpern, wenn es still um mich ist.
In der letzten Woche meines
Aufenthalts geht es runter ins kleine Hallenbad. Ich bin so richtig glücklich,
denn ich liebe das Schwimmen. Man fühlt sich so leicht im Wasser und ich tauche
gern. Wir plantschen als Gruppe munter im kleinen Becken herum, machen Späße
und kleine Übungen. Hoffnung keimt in mir auf. Vielleicht wird mein Zustand ja
doch noch mal irgendwann besser. Hier im Wasser kann ich mir das direkt
vorstellen.
Als wir aus dem Becken raus
müssen, fühlt sich mein Körper „an Land“ dreimal so schwer an wie vorher. Der
Kreislauf und das Herz haben sich schon so sehr an den Auftrieb und die
Leichtigkeit im Wasser gewöhnt, dass sie nun ganz beleidigt über die
normale Schwere an Land sind. Mein Körper fühlt sich an wie Blei und ich habe
Angst völlig zusammenzuklappen. Aber nach zehn Minuten habe ich mich wieder an
die „normale Schwere“ gewöhnt.
Am Wochenende besuchen mich
meine Freunde von der Scarlet Anvil Band, Pico und Uwe. Sie versuchen mich
aufzubauen und wir sitzen in der Cafeteria und plaudern bei Cola, Kaffee und
Eis. Ringfinger und kleiner Finger der linken Hand sind immer noch taub und
schwer beweglich. Ob wir jemals wieder zusammen einen „Ton machen“ und ein
„Rohr fahren“ werden? (d.h. Die Verstärker auf volle Lautstärke drehen und es
krachen lassen) Ich habe das Gefühl, mit unseren angepeilten Bühnenauftritten
wird es nichts mehr. Jedenfalls nicht mit mir als Bassist.
Man fasst es kaum. Nach drei
Monaten heftigster emotionaler Achterbahnfahrt in 3 Krankenhäusern bin ich
tatsächlich wieder zu hause und sitze im Garten an der Sonne.
Ich fühle mich zwar schwach
wie mein alter Vater, der hier auch mal für ein paar Wochen wohnte und den
Garten sehr genoss. Und Irgendwie fühle ich mich ihm nah, wenn ich so in die
Sonne blinzele, die mich sanft erwärmt.
Eine große Last ist von mir
abgefallen. Freiheit. Ich atme wieder die Freiheit.
Ab nun geht’s bergauf mit mir
und ich fahre sogar wieder Fahrrad und sause Marina und Sylle in der weitläufigen
Leinemasch davon. Was bin ich glücklich für einen ganzen Monat. Ich habe
„Was ist denn jetzt schon
wieder mit mir los?“, denke ich mit Schrecken, als ich eines
Stundenlanges ausharren im Wartebereich während viele Unfallopfer und mehr
oder weniger kaputte Menschen an mir vorüberziehen, die nacheinander in die
Behandlungsräume gebracht werden. Zwischendurch muss ich zum Röntgen und
irgendwann bin ich dann auch an der Reihe. Mir wird Blut abgenommen und ich
erkläre der Ärztin warum ich hier bin. Dann wieder warten, warten, warten. Mir
geht es überhaupt nicht gut, aber Gott sei Dank ist meine Frau bei mir.
Tja, da müssen wir sie wohl
stationär aufnehmen, ihre Entzündungswerte sind noch höher gestiegen und
außerdem ist der HB-Wert ihres Blutes extrem niedrig. Sie haben wahrscheinlich
eine Lungenentzündung.
Spätabends lande ich dann
endlich auf der inneren Aufnahmestation und werde zu einem alten Mann ins
Zimmer geschoben, der mir weit über 80 zu sein scheint. Eine Bluttransfusion
wird angehängt und ich bekomme entwässernde Mittel in die Vene gespritzt. Mal
wieder am Tropf, weil’s so schön war!
Nach Mitternacht wird der
alte Herr neben mir langsam munter und klingelt alle paar Minuten nach der
Schwester. Mal muss er Pipi, mal hat er Durst, mal will er sofort nach Hause
und meint, dass irgendwelche Blutsverwandte im Gang auf ihn warten. Ob ich ihm
nicht helfen könnte sich anzuziehen? Er tut mir leid und ich versuche ihn nach
Möglichkeit zu beruhigen, denn er weiß offenbar nicht wo er sich befindet und
ist total desorientiert. Mir wird eine Kurzinfusion mit einem Antibiotikum
angehängt, welches die Lungenentzündung bekämpfen soll. Licht an, Licht aus.
Licht an, Licht aus.
Ich bewundere die
Nachtschwester, die nach einiger Zeit sicher ziemlich gestresst ist, aber
trotzdem immer wieder zu meinem Zimmernachbarn kommen muss, wenn er klingelt.
Sie ist geduldig mit dem alten Mann, der einfach Ängste hat und total überdreht
ist. Immer wieder beruhigend auf ihn einreden, ihm das Kopfkissen richten und
auf die kleinen Wünsche eingehen.
Im Dunkeln liege ich wach und
bitte meinen Nachbarn nicht so häufig zu klingeln, da die Schwester noch viele
andere Schwerkranke zu versorgen hat.
Ich versuche ihm die Ängste
zu nehmen und erkläre ihm immer wieder, wo er sich befindet, das alles seine
Ordnung hat und das er gut aufgehoben ist.
Nach einer Weile fängt er an
mich immer wieder um Hilfe zu bitten, weil irgendetwas bei ihm klemmt oder er
nach Hause will.
Ich erwidere ihm dass ich
leider nicht aufstehen kann, weil ich selber sehr krank bin und an allen
möglichen Schläuchen hänge. Nach einer Minute fragt er mich erneut dasselbe und
klingelt kurz darauf die Schwester herbei. An Schlaf ist nicht zu denken.
So gegen halb vier hat die
Nachtschwester ein Einsehen mit mir und schiebt mich mitsamt Bett in ein
anderes Zimmer, wo ich allein bin. Irgendwann bekomme ich dann tatsächlich noch
eine Stunde Schlaf nach der anstrengenden Warterei und dem Nervenaufreibendem
Zimmergenossen.
So um halb sieben werde ich
geweckt und bekomme bald Frühstück. Ich bin wie gerädert. Gott sei dank werde
ich dann sehr schnell auf die Herzstation 22 verlegt, wo mich der nette Doktor
Bastürk begrüßt. Er versichert mir, dass er nicht mit dem gleichnamigen
bekannten Fußballspieler verwandt oder verschwägert sei und hat freundliche
helle Augen und lässt auch jegliche türkische Machoallüren vermissen.
Vielleicht sollte ich meine antitürkischen Vorurteile doch noch mal überdenken!
Ich fühle mich ein wenig ertappt und schuldig. Scheiß Rassismus.
In wenigen Tagen haben sie
mich dort wieder ganz ordentlich zusammengeflickt und es geht mir besser.
Ich bekomme wieder gut Luft und die Entzündungswerte gehen zurück. Gott sei
dank für Ärzte, Schwestern und Antibiotika. Meine Laune steigt und ich mache
ständig Witze mit den Ärzten und Krankenschwestern. Schwester Mandy aus den
wilden Ostgebieten der Republik singe ich beim Blutdruckmessen ihr schönes Lied
vor: Oh Mandy, oh Mandy oh Mandyhihi! Ich
könnte schwören, dass sie dabei leicht errötet. Jedenfalls droht sie mir sich
zu rächen.
Obwohl die Entzündung
zurückgeht und die Atmung sich normalisiert komme ich nicht wieder so richtig
zu Kräften und komme beim Spazierengehen im Park nur sehr langsam voran. Ein ziemlich
herber Rückschlag, nachdem ich dachte dass es nun nur noch bergauf geht. Ich
bekomme nun noch ein paar Pfund mehr Tabletten am Tag und bin morgens nach der
Einnahme dermaßen erschöpft, dass ich bis zum frühen Nachmittag flach liege.
Sobald ich aufstehe kippt mir der Kreislauf weg und mir wird ganz schwummerig
vor Augen. Ich muss nun 20 Pillen am Tag schlucken und versuche erfolglos die
Ärzte zu überreden, mir weniger zu verordnen. Alle Tabletten sind unerlässlich.
Nach 10 Tagen bin ich wieder
zu Hause und fühle mich wie eine lahme Ente. Die Freude hält sich in Grenzen,
denn ich bin nach wie vor sehr schnell fix und fertig von der kleinsten
Anstrengung und bin froh, wenn ich es einmal mit dem Auto zum Kaufland um die
Ecke schaffe um Mittagessen einzukaufen. Danach muss ich mich erstmal ein bis
zwei Stunden im Fernsehsessel erholen und die Füße hochlegen.
So geht das Leben auf Sparflamme
weiter. Ich bin froh, wenn ich es ein- oder zweimal die Woche mit dem Auto die
paarhundert Meter nach Kaufland um die Ecke schaffe, um Mittagessen einzukaufen
und zu kochen. Mehr schaffe ich nicht und bin den Rest des Tages fix und
fertig. Eigentlich schaffe ich nur eine Sache am Tag. Das Kochen. Selbst davon
bin ich ja schon ohne Ende erschöpft.
An Fahrrad fahren ist kaum zu
denken – viel zu anstrengend. Ich hänge zu Hause im Fernsehsessel rum, höre
Musik, spiele am PC und surfe im Internet umher. Zwischendurch besuche ich die
Ärzte und muss nach zwei Monaten wegen der gleichen Atemnot, hohen
Entzündungswerten und Herzinsuffizienz wieder in die MHH. Kein Mensch kann sich
diese merkwürdige Entzündung im Brustbereich, die diesmal offiziell keine Lungenentzündung
ist richtig erklären.
Kein Mensch teilt mir mit,
was eigentlich mit mir los ist. Bei der Chefvisite steht der Professor mit
seinen Oberärzten um das Bett herum und unterhält sich in Fachchinesisch mit
seinen Kollegen. Aber mit mir als Patient wird nicht geredet. Ich bin wohl eh
zu doof, um zu kapieren was mit mir los ist. Merkwürdig nur, dass der
Stationsarzt es offenbar auch nicht wirklich weiß, denn er kann es mir ebenso
wenig erklären, als er ausnahmsweise mal Zeit für ein Gespräch hat. Aber
Antibiotika und Diuretika intravenös helfen mal wieder nach ein paar Tagen. Man
muss auch gar nicht so genau wissen wer oder was da in meinem Körper eigentlich
entzündet ist und welche Keime das auslösen. Einfach mit heftigem
Breitbandantibiotikum draufhalten – wird schon den Richtigen treffen. Und es
hilft ja auch, was will ich mehr?
Mittlerweile habe ich mein Beatmungsgerät im Verdacht diese wiederkehrenden
(Lungen?) Entzündungen auszulösen, was aber vom Schlaflabor welches mir das
Ding verpasst hat, und von allen anderen Beteiligten in Abrede gestellt wird.
Ich soll das Ding unbedingt weiter benutzen: „Es ist gut für ihr Herz“!
Die Entzündungswerte sinken,
die Atemnot verschwindet und ich bin bald wieder zu hause. Das Leben auf
Sparflamme geht weiter wie gehabt.
Zwei Monate später bin ich
wieder im Krankenhaus. Mit der gleichen Symptomatik. Immer noch kann mir
niemand plausibel erklären, was eigentlich mit mir los ist. Man macht alle
möglichen Untersuchungen einschließlich des beliebten Herzkatheters, um zu
schauen ob meine Bypässe am Herzen noch in Ordnung sind, findet aber nichts
Auffälliges. Weil sich immer wieder Wasser um Herz und Lunge ansammelt, darf
ich nur noch wenig trinken und soll mich gefälligst zusammenreißen. So scheißt
mich der stellvertretende Chefarzt zusammen und verbietet mir den Mund, als ich
nach meiner Diagnose frage. Da ich offenbar zu blöd sei, um das mit der
Trinkmenge von 2 Liter am Tag zu begreifen, will er mit meiner Frau darüber
sprechen. Ich bin völlig baff und mir fällt zu dieser Unverschämtheit
nichts mehr ein.
Nach einer Woche werde ich
mal wieder als geheilt entlassen und es geht mir ja auch wieder besser. Aber
ich beschließe nun mein CPAP
Atemgerät komplett wegzulassen und zu schauen, ob ich dadurch vor einer
erneuten Lungenentzündung bewahrt bleibe. Das ist eine rein intuitive Maßnahme
von mir, denn alle behandelnden Ärzte einschließlich der Lungenfachärzte des
Schlaflabors der MHH halten es für ausgeschlossen, dass das Beatmungsgerät
irgendetwas mit meinen ständigen Entzündungen zu tun hätte. Schließlich
bin ich ja nur ein doofer Patient! Und so etwas hätte es noch nie gegeben.
Und seit dem Absetzen meines
Atemgeräts habe ich dann keine undefinierbaren Entzündungen der Lunge oder des
Brustkorbs mehr. Und so geht das Jahr 2005 für mich dann relativ gesund zu ende
– bis auf die anhaltende körperlich Schwäche.
Einige Jahre später erhalte
ich dann ein besseres Beatmungsgerät (APAP) mit einer anderen Technik, welches
ich viel besser vertrage.
Der Winter ist öde und
dunkel. Ich stürze in eine gepflegte Winterdepression ab und sehe kein Licht
mehr in meinem Leben. Ich habe keine Zukunft, keine Hoffnung und Erwartung
mehr. Gott ist mir entfremdet und ich habe keine Aussicht mehr jemals wieder
körperliche Kraft zu gewinnen, geschweige denn irgendeinen neuen Job oder
Aufgabe zu bekommen.
Bin ich dazu vorherbestimmt,
den Rest meines Lebens saft- und kraftlos zu hause dahin zu vegetieren,
beschäftigt nur mit Fernseh-Glotzen und Internetsurfen?
Vielleicht wird es ja im
neuen Jahr noch einmal besser? Ich entschließe mich an einer Herzsport-Gruppe teilzunehmen,
die sich in der MHH trifft und trete dort ein wenig in die Pedalen des
Ergometers, mache etwas Gymnastik mit und übe an den Geräten zur Stärkung der
Muskelkraft. Nach wenigen Wochen entzündet sich meine linke Schulter und wird
schmerzhaft steif, so dass ich keine Gymnastik oder Kraftübungen mehr mitmachen
kann. Nur das Standfahrrad bleibt mir noch. Ärgerlich irgendwie dass es sich
nicht vorwärts bewegt – genau so wie meine Gesundheit.
Ich benutze nun das Ergometer
nur noch zuhause und gehe nicht mehr zu meiner Sportgruppe, denn Ergometer
fahren kann ich auch allein zu Haus. Ist doch alles sowieso sinnlos.
Als der Schnee taut und es
draußen grün wird, ändert sich auch meine Stimmung. Trotz der unbefriedigenden
Gesundheit und anhaltenden Kraftlosigkeit taut meine Seele irgendwie auf –
keine Ahnung warum. Die Winterdepression geht vorbei und ich freue mich auf die
Fußballweltmeisterschaft im eigenen Lande.
Der Sommer fängt früh an und
ist überaus heiter. Ich lasse mich von der überschäumenden Freude des
„Sommermärchens“ unserer Nationalmannschaft und der grandiosen Stimmung der
Fußballfans anstecken. Ein paar Wochen nicht mehr an meine bescheidene Lage
denken und einfach mitfiebern und mitfeiern soweit es eben geht – meistens nur
vor dem Fernsehschirm, weil ich für die Fanmeile draußen in der Stadt und das
„public viewing“ keine Kraft habe. Aber den Autokorso nach gewonnenem Spiel gegen
Argentinien mache ich mit und meine allerbeste Freundin Marina fährt auch mit
und hält eine große Deutschlandfahne aus dem Fenster. Vorbei geht es an
hupenden Autos und jubelnden Fans am Straßenrand. Die ganze Stadt ist völlig
aus dem Häuschen. Es ist ein berauschender Sommer.
Doch das Sommermärchen geht
auch irgendwann zu Ende und im Herbst stehe ich dann wieder da – mit
beginnenden tiefsten Depressionen. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle,
welche in den nächsten Jahren anhalten wird. Himmelhoch jauchzend – zu Tode
betrübt!
Meine Erwerbsminderungsrente
ist mittlerweile eingereicht und ich warte auf eine Entscheidung. Zuerst wird
der Antrag abgelehnt, jedoch nach einem Widerspruch meinerseits und einer
sorgfältigen Gesundheitsuntersuchung dann doch teilweise anerkannt. Ich bekomme
nun zumindest 50% meiner Frührente, stolze 273 Euro im Monat und entschließe
mich auf die volle Rente vor dem Sozialgericht zu klagen, weil es mir völlig
unmöglich erscheint 6 Stunden Arbeit am Tag durchzuhalten. Denn die Fähigkeit
dazu wird mir amtlich bestätigt, obwohl ich schon total erschöpft bin, wenn ich
nur mit dem Auto einkaufen fahre und danach koche. Nach einer solchen Aktivität
hänge ich nämlich nach wie vor den Rest des Tages total in den Seilen und bin
zu nichts Anderem mehr zu gebrauchen. Jedoch sind die 500 Euro für den Rechtsanwalt
rausgeworfenes Geld und ich komme mit meiner Klage nicht durch. Das Urteil
steht dann 2008 endgültig fest. Hier ein Auszug aus der Urteilsbegründung:
[…] „Trotz dieser gesundheitlichen
Beeinträchtigungen ist der Kläger weiterhin in der Lage, einer leichten bis
mittelschweren Tätigkeit im Haltungswechsel ohne Witterungsbelastung, ohne
Zwangshaltungen, ohne Tätigkeiten in Nacht- und Wechselschicht, besonderen
Zeitdruck oder Stress oder mit erhöhten Anforderungen an die Konzentration in
einem zeitlichen Umfang von 6 Stunden und mehr arbeitstäglich nachzugehen. Die
Kammer stützt ihre Überzeugung...“ […]
Mal abgesehen davon, dass die
tägliche Erfahrung meiner schnellen Erschöpfbarkeit bei kleinsten Belastungen
eine völlig andere ist als in der Urteilsbegründung dargestellt wird,
frage ich mich wo es eine solche Arbeitsstelle für einen über Fünfzigjährigen
in Deutschland überhaupt geben soll: Mit Klimaanlage wegen der Hitzebelastung
im Sommer, nicht nur sitzend oder stehend sondern mit wechselnder Haltung, ohne
Zeitdruck oder Stress und keiner Anforderung an die Konzentration. In
Wolkenkuckucksheim vielleicht?
Depressionen nach großen
Herzoperationen sind anscheinend keine Seltenheit und betreffen nach meiner
Recherche offenbar sehr viele Patienten. Im Krankenhaus wird munter operiert,
aber danach wird der Patient zumeist sich selbst überlassen und hat nach der
Anschluss-Rehabilitation keine weiteren Hilfen zu erwarten. Selbst in der
Reha-Klinik gab es für mich keinerlei psychologische Fachbetreuung, obwohl die
Tatsache von anschließenden Depressionen nach der Herz-Op medizinisch bekannt
sein müsste. Deshalb möchte ich hier auch ausführlich über diesen Punkt
schreiben.
Ich schreibe kein Tagebuch in
dem ich eine genaue Chronologie der Ereignisse darstelle und somit bin ich mir
der genauen Abläufe meiner Krankheit nicht immer ganz sicher und es kann sein,
dass ich mich manchmal zeitlich oder in der Reihenfolge der Ereignisse irre
oder durcheinander komme. Aber meine Erlebnisse oder Erfahrungen sind
jedenfalls echt, wahrheitsgemäß und ungefiltert – wiewohl natürlich subjektiv.
2007 habe ich allerdings mit dem Bloggen (Internettagebuch) angefangen und
glücklicher Weise haben meine Posts im Blog
ein klares Datum, so dass ich ab 2007 einige Dinge genau zeitlich einordnen und
nachlesen kann.
Irgendwann nach dem Ende des
„Sommermärchens“ ringe ich mich durch eine Liste mit Psychotherapeuten durch zu
telefonieren um eine Psychotherapie zu beginnen, denn ich bin mit meinem Latein
am Ende. Von Gott oder der Kirche erwarte ich schon lange keine Hilfe mehr.
Jedenfalls keine Hilfe, die mich in irgendeiner Weise heilen könnte. Ich bin
allerdings sehr dankbar für meine christlichen Freunde in unserer kleinen
Hauskirche, die mich zumindest mit ihrer Freundschaft durchtragen und das
Gefühl geben nicht ganz allein mit meinen Problemen zu sein. Immer wenn wir uns
treffen vergesse ich zumindest für einige Stunden meinen erbärmlichen
Gesundheitszustand und die trübsinnigen Gedanken. Meistens. Aber „gesundbeten“
können sie mich auch nicht. (Welch mehrdeutige Aussage)
Von den angerufenen
Therapeuten bekomme ich 3 Absagen und bei Einem spreche ich auf Band. Ehrlich
gesagt erwarte ich gar keine Antwort oder Rückruf, weil Psychotherapeuten
offenbar hoffnungslos überlaufen sind. Ich habe auch keine Kraft, die schier
endlose Liste noch weiter durch zu telefonieren, gebe schon wieder auf und
ergebe mich in mein hoffnungsloses depressives Schicksal.
Irgendwann nach Wochen kommt
ein Anruf. Anhand der Tonlage meine ich einen Pastoren oder Seelsorger an der
Strippe zu haben und wundere mich ziemlich als sich die pastorale Stimme als
der Psychotherapeut entpuppt, bei dem ich auf Band gesprochen hatte. Hihi
– tatsächlich ein Seelsorger im wahrsten Sinne des Wortes, denke ich mir, du
lagst gar nicht so weit daneben!
Wir vereinbaren ein
Erstgespräch und ich sitze mit mulmigem Gefühl im Wartezimmer und studiere die
Diplome in klinischer Hypnose und Reiki-Kursen an der Wand. Meine anfängliche
Hoffnung sinkt schon wieder. Von Suggestion, Gehirnwäsche oder Esoterik halte
ich nun überhaupt nichts!
Der Behandlungsraum ist sehr
gemütlich mit bequemen Ledersesseln und Sofas, Pflanzen und antiken Möbeln
ausgestattet.
Missbilligend nehme ich
einige kleine Buddha-Statuen im Fenster und auf den Möbeln wahr. Wenn der mir
mit Reiki-Techniken oder anderem esoterischen Quatsch kommt sieht er mich jedenfalls
nicht wieder, was ich ihm beim Gespräch auch unmissverständlich klarmache. Auch
von Hypnose, Suggestion oder anderweitigen manipulativen Eingriffen in meine
Psyche halte ich nichts. Aber Hans-Peter erweist sich sehr schnell als
angenehmer Gesprächspartner und seriöser Therapeut. Er zerstreut meine
Befürchtungen und ich gewinne sehr schnell Vertrauen in ihn. So vereinbaren wir
eine Gesprächstherapie mit regelmäßigen Terminen.
Die Gespräche mit Hans-Peter
tun mir gut und ich gehe fast immer danach ermutigt nach Hause. Irgendwie
gelingt es ihm mich im Lauf der Zeit an meine noch verbliebenen Ressourcen zu
erinnern. Zum Beispiel das Schreiben. Es tut mir gut meine Krankheitsgeschichte
unter dem Titel „Herzkasper“ aufzuschreiben. Während des Schreibens scheine ich
so manche schwere und unerträgliche Situation im Krankenhaus noch einmal zu
durchleben und das Erlebte kommt mir seelisch ganz nah. Aber dadurch scheine
ich auch manche Situation irgendwie besser zu verarbeiten und vielleicht hilft
meine Geschichte ja irgendjemand auf irgendeine Weise weiter? Auch dafür lohnt
es sich das alles niederzuschreiben, denke ich. Jedenfalls zeigt mir der
Besucherzähler auf der Webseite einiges Interesse an. Ab und zu erhalte ich
sogar eine Email mit Fragen zum Thema Herzbypass-Op oder gar einen Dank. Und
auch das Bloggen macht mir Spaß.
Besonders wenn es interessante Kommentare zu meinen Posts gibt und sich
Diskussionen mit Lesern ergeben.
Trotz der Psychotherapie und meinen
Stabilisierungsfaktoren Familie und engen Freunden in der Hauskirche sind die
Jahre nach meiner Herz-Op gekennzeichnet von monatelangen Phasen schwärzester
Depression und absoluter Hoffnungslosigkeit, die von kurzen Phasen fast manisch
übertriebener Lebensfreude abgelöst werden. Wahrscheinlich genieße ich die
Phasen der Abwesenheit der quälenden, dunklen Depressionsgedanken in den
manischen Phasen so sehr, dass ich dann schon übertrieben lustig, fröhlich und
manchmal albern werde. Oft meine ich in solchen manischen Phasen nun endlich
endgültig von der Depression geheilt zu sein. Je mehr ich mich allerdings auf
diese „endgültige Heilung“ verlasse, desto schlimmer ist dann der erneute
Absturz in die grauenvolle Schlangengrube der Depression.
Hier einige Blogeinträge in
lyrischer Form aus dieser Zeit:
Abmeldung
Habe lange nix geschrieben
bin im Urlaub auf der Insel Depressiva
die Nächte dort sind lang und dunkel
auch am Tag wird es nur langsam hell
bin irgendwie versunken
auftauchen geht auch nicht so schnell
hab heut' Nacht mit Gott geredet
das war wunderschön
sein Licht hat schon fast geblendet
als ich glaubte, dass er mir sagen wollte:
nimm Lebertran, mein Sohn!
◊
Insel Musica
Neulich ging überraschender Weise ein Schiff von der Insel
Depressiva nach Musica.
Ich ergriff die Gelegenheit, dort meinen Urlaub
fortzusetzen...
Die Insel Musica ist viel schöner als Depressiva.
Die Tage sind hell und freundlich und die Nächte nicht
so lang.
Es gibt viel Leckeres und Leichtes zu essen. Mediterran
eben.
Der Wein ist rot, schwer und rinnt feurig die durstige
Kehle hinab.
Der Rausch aber ist leicht, beschwingt und angenehm.
Es gibt keinen Kater am nächsten Tag.
Im Gegenteil - man wacht frisch und munter auf und hat
den Kopf voller neuer Ideen.
Alte Gitarren restaurieren, die Stereoanlage aufpeppen
und ständig neue Melodien verspeisen.
Ach, das Leben ist wieder eine Lust!
Hier lässt es sich leben, hier könnte ich bleiben...
und der Tag der Abreise liegt noch in weiter Ferne.
◊
Absturz von der Lobpreisleiter
Neulich Nacht hat man mich abgeholt während ich schlief.
Irgendjemand ist der Meinung, dass ich besser zur Insel Depressiva passe, als zur Insel Musica.
Als ich die Augen aufschlug, war alles wie immer. Sonnenschein im Garten, die
Vögel zwitscherten,
aber irgendetwas stimmte nicht an dem Bild. Etwas war
falsch daran.
Ich schüttelte den Gedanken ab und machte "Business as usual"
Aber alles lief nicht mehr so richtig rund.
Dann bemerkte ich, dass mein Garten aus Wänden von Pappe mit aufgedruckten Fotos von Bäumen und Büschen bestand.
Die Vogelstimmen kamen von einem Endlos-Tonband.
Man hatte mich hereingelegt. Ich war wieder auf "Depressiva"
Vergessen - die lauen Sommernächte auf "Musica"
Vergessen - der feurige Wein.
"Jetzt geht’s wieder anders rum", grölte der Einpeitscher von fern, jetzt wird das Leben wieder grau gemacht,
so wie es sich um diese Jahreszeit gehört!
Sein hysterisches Lachen verhallte in der Ferne und ich stand da. Allein.
„Listen to this, and I’ll tell you ‚bout the heartache.
I’ll tell you ‚bout the heartache and the loss of God.
I’ll tell you ‚bout the hopeless night The meager food for souls forgot,
I’ll tell you ‚bout the maiden with wrought iron soul“
(Jim Morrison, The Wasp, L.A.Woman)
◊
Depressivas Schönheit
Die Insel Depressiva ist ein großes Mysterium.
Gestern fuhr ich in meinem Auto über Land. Das Wetter
war ungemütlich, dunkel und miesepetrig.
Nieselregen und vermatschte Strassen, alles düster und
traurig.
In einem schönen großen Fachwerkhaus auf dem Lande kehrte ich ein.
Ein freundlicher weiser Mann redete mit mir, während ich es mir auf einem
bequemen Sofa gemütlich machte.
Es war ein großer Raum mit dicken Holzbalken direkt unter dem Dach.
Ich erzählte ihm von meiner heimlichen Verschleppung nach Depressiva.
Da flüsterte er mir einen geheimen Trick ins Ohr, wie ich mein Los erträglicher
machen könne.
Mir wurde ganz warm ums Herz und ich schöpfte neue Hoffnung.
Der Trick war ganz einfach: Zu Gott gehen und mir neue
Kraft von ihm holen.
Mich selbst akzeptieren und mich nicht selbst wegen
meiner Kraftlosigkeit beschimpfen!
Dankbar fuhr ich nach Hause.
Die ganze Inselwelt hatte sich plötzlich verwandelt.
Ich nahm die verschiedenen Schattierungen des "Grau in Grau" ganz intensiv wahr.
Wunderschöne Bäume ohne Blätter standen am Wegesrand,
die Äste wunderlich verschlungen und verknotet.
Ich glitt still durch die Landschaft, die ein großer Künstler wundersam
verzaubert hatte.
Es wurde immer dunkler, aber das gelbe Licht der Autos malte verschiedene dunkle Farben an die Wände der alten Häuser
und auf die Büsche und Bäume der Strasse.
Durch die diesige Luft bemerkte ich riesige Windräder, die sich langsam drehten
- still und stumm.
Man hörte nur das Geräusch der nassen Reifen auf der Strasse.
Die Bauernhäuser schliefen so tief und friedlich ihren Schlaf des Vergessens.
Kein Leben rührte sich hinter ihren Mauern.
Gott ist ein großer Künstler.
Wenn er das Land in Abenddämmerung taucht, wird Alles
still.
Nur die Schatten werden lebendig und fangen an ihre
Geschichten zu erzählen.
Das Leid war vollkommen vergessen. Eine Ahnung von neuem Licht durchzog mich
sanft.
Gott ist ein großer Künstler.
◊
Psalm eines Depressiven
Ich bin wütend!
Wütend auf mich und wütend auf Gott.
Wütend auf mich, weil ich mich nicht ändern kann.
Wütend auf Gott, weil er mich nicht heilt und ich weiter an mir leiden muss.
Wozu dieses sinnlose Leid?
Wozu die ständige Hoffnung auf ein Morgen, wenn sich doch nichts ändert?
Ich wünschte ich könnte schlafen - ewig schlafen - doch ich muss noch Meilen
geh'n, bevor ich ruhen kann.
Gibt es ein Himmelreich? Dann komme bald, Herr Jesus.
Warum diese ständige Verzweiflung? Immer wiederkehrende Belanglosigkeiten.
Gibt es eine zukünftige Hölle, oder bin ich da schon längst?
Ich bin wie Sisyphus, der den Stein immerfort bergauf rollt, aber nie die
Spitze des Berges erreicht.
Und immer wieder entgleitet er und rollt bergab.
Ich kann nicht mehr und mag nicht mehr.
Macht mir keine neue Hoffnung, die doch nur wieder enttäuscht wird.
Die schlimmste Hölle wäre, wenn es zu den Höllenstrafen gehörte, an einen Erlöser zu glauben,
der mich aus der Hölle rettet, um mich dann in das ewige Feuer zurückzuwerfen.
Immer und immer wieder.
Hoffnung auf Erlösung - die dann enttäuscht wird zu ständig tiefer gehender
Pein im Sumpf des Verderbens.
Das kann kein Gott der Liebe sein, der sich so etwas ersann!
Nein so etwas gibt es nicht.
Das ewig Böse ist undenkbar und unvorstellbar.
Kein Gott der Liebe würde so etwas zulassen. - Wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr
Feuer nicht erlischt.
◊
Jeder wartet in einem
Hollywood-Film auf ein „Happy End“. Nur ist das Leben kein Hollywood-Film.
Als Ursachen meiner
jahrelangen heftigen und immer wiederkehrenden Depressionen habe ich mehrere
Gründe ausgemacht:
1. Ich habe nach der
Operation meine vorherige körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit nicht wieder
zurück erhalten. Das hat mich sehr enttäuscht, weil ich erwartete dass das Herz
durch die neuen angeflickten Blutgefäße wieder neuen Sauerstoff bekommt und
viel besser durchblutet wird. Ich nahm an, dass es mir nach der Op viel besser
gehen würde als vorher, was sich leider als ein Irrtum herausstellte.
2. Damit einhergehend war der
Frust nicht mehr arbeitsfähig zu werden und im besten Alter von 52 Jahren auf
dem Abstellgleis der Frühverrentung zu landen. Kein Geld mehr selbst verdienen
und damit völlig abhängig von meiner Frau und der Gnade der Rentenversicherung
zu sein.
Durch einen Job verdient man
auch nicht nur eigenes Geld sondern auch Selbstwertgefühl! Man wird von
Kollegen oder Kunden geschätzt und bekommt Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Nun als Arbeitsloser fühle
ich mich einfach nicht mehr wirklich gebraucht und verliere in meinen eigenen
Augen völlig an Wert. Ich kann mir noch so oft selber sagen, dass der Wert
eines Menschen sich nicht allein an seiner Arbeitskraft bemisst und anderen
gestehe ich diesen natürlichen Wert und die vefassungsgemäße Würde des Menschen
auch als Hartz 4 Empfänger oder anderweitig „nutzloser“ Mensch zu. Aber für
mich selbst kann ich diesen Wert offenbar nur sehr schwer erkennen, selbst wenn
meine Frau und meine Kinder mir sagen, dass sie mich noch brauchen würden und
dass ich auch wichtig für meine vorhandenen und zukünftigen Enkel wäre.
Ich fühle mich wie Alteisen
welches so langsam dahinrostet und nur noch auf den Tod wartet. Auf dem Schrottplatz
des Lebens sozusagen.
3. Das Gefühl des Verlustes
der Beziehung zu Gott.
Schon vor meiner
Herzkrankheit fühlte ich mich von Gott vergessen und verlassen. Und zwar
jahrelang.
Als aufmerksamer Bibelleser
ist mir natürlich nicht entgangen, dass es angefangen von Freund Hiob über den
Propheten Elia und König David bis hin zu Prophet Jeremia schon vielen Leuten
Gottes ähnlich ergangen ist.
Selbst Jesus rief am Kreuz
die bekannten Worte aus: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“
Den Verlust Gottes kann nur
jemand nachempfinden, der ihm einmal sehr nahe war. Und das war ich viele Jahre
meines Lebens. Gott war mein Ein und Alles! Ich liebte es für ihn Musik zu
machen. Und das nicht nur auf der Gemeindebühne sondern ganz allein und privat
für mich. In diesen besonderen Zeiten der Anbetung mit christlichen Liedern und
der Gitarre fühlte ich mich dem Herzen Gottes so greifbar nah. Die spürbare
Gegenwart Gottes war meine ganze Freude und mein Lebensziel. In seiner
Gegenwart wollte ich mein ganzes Leben verbringen und so viele Menschen wie
möglich auch dort mit hineinziehen: Unter den Schirm des Höchsten. Ich wollte
ihm mit ganzem Herzen dienen und nur für ihn und sein Königreich da sein. Als
ich aber mein Lebensziel erreicht hatte, meinen weltlichen Beruf verlassen und
an einer Bibelschule angestellt war um eben dieses zu tun: Gott mit Liedern
anbeten und sein Wort lehren, erlebte ich einen Absturz sondergleichen! Nach
einiger Zeit wurde mir der ganze christliche „Dienst“ zu viel und ich brannte
innerhalb kurzer Zeit seelisch völlig aus. Die Lieder, die ich den ganzen Tag
sang, hingen mir nach 3 Jahren zum Halse und den Ohren raus. Ich verlor alle
meine Kraft und wurde schließlich entlassen.
Das empfand ich damals wie
einen Arschtritt Gottes höchstpersönlich von dem ich mich nie mehr erholte.
Damals fingen mein
Depressionsprobleme an. Auch in Ehe und Familie fing es an gewaltig zu kriseln,
was meine ganze Aufmerksamkeit und Energie erforderte. Das Wort Gottes
erreichte mich einfach nicht mehr und ich hörte auf zu beten und in der Bibel
zu lesen, weil es für mich einfach nur noch eine lästige und schwere
Pflichterfüllung war. Irgendwann stand ich auch in der Gemeinde nicht mehr auf
der Bühne um den Lobpreis im Gottesdienst zu leiten, weil ich einfach nur noch
niedergedrückt war und es mir heuchlerisch vorkam auf der Bühne den fröhlichen
Lobpreisleiter zu geben, als den mich doch alle kannten, wenn ich doch
innerlich so leer war.
Ich ließ die Gitarre in der
Ecke verstauben und rührte sie viele Jahre lang nicht mehr an. Auch nicht
privat. Ich KONNTE einfach diese Lieder nicht mehr spielen, die mir lange
Jahre so viel bedeutet hatten. Meine Herzkrankheit mitsamt der Operation und
den daraus folgenden Schwierigkeiten waren dann sozusagen die Krönung meines
persönlichen Zerbruchs und resultierten in dem Gefühl
nun endlich völlig von Gott verworfen und verlassen worden zu sein.
Als aufmerksamer Bibelleser
ist mir allerdings auch nicht entgangen, dass Gottes Barmherzigkeit und Treue
kein Ende haben und er eine scheinbar unterbrochene Beziehung immer wieder neu
anfängt und weiterführt auch wenn den Menschen alles hoffnungslos erscheint.
Das sieht man sowohl bei Hiob wie auch bei vielen anderen Gestalten der Bibel
und es würde den Rahmen meiner Geschichte vom Herzkasper sprengen darüber noch
viel zu schreiben.
Im Moment bin ich voller
Hoffnung, was meine Beziehung zu Gott angeht und habe den Eindruck dass
er gerade dabei ist ein ganz neues Kapitel in der Geschichte meines Lebens zu
schreiben.
- ENDE -
Hauskirche?
Hauskirche ist eine Gruppe
von Christen, die sich unabhängig von einer Konfession, Kirche oder Gemeinde einfach
im Wohnzimmer trifft um gemeinsam zu essen, zu beten, zu singen oder zusammen
Bibel zu lesen.
Zumeist kommt sie völlig ohne
eine Hierarchie oder ein Programm aus und wird durch die Bedürfnisse und
Interessen der jeweiligen Teilnehmer bestimmt.
Lobpreisleiter?
Lobpreisleiter ist die
Bezeichnung eines Kantors in vielen freikirchlichen Gemeinden und
Gemeinschaften. Er leitet den Gesang oder die Band in einem Gottesdienst.
Normalerweise sitzt er nicht an einer Kirchenorgel sondern spielt sehr häufig Gitarre
oder manchmal Keyboard. Manchmal sind es auch nur Sänger die von anderen
Musikern unterstützt werden.
Die Lieder sind meistens eine
Art moderner Gospel und haben nicht viel mit alten Kirchenliedern zu tun.
Manchmal werden aber auch
alte Kirchenlieder in eine zeitgenössische Form gebracht und mit neuen Melodien
versehen oder moderne Rocksongs mit einem neuen Text versehen.
Bibelschule?
Einrichtungen von
unabhängigen Freikirchen in denen zumeist keine staatlich anerkannten Diplome
erworben werden können.
Die Theologie richtet sich
nach der jeweiligen Bewegung, aus der sie entstanden sind. Es gibt eine große
Bandbreite von Bibelschulen von evangelikal über pfingstlich bis
freicharismatisch geprägter Struktur.
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